Notfallkontrazeption mit einer Hormonspirale – geht das überhaupt? Eine neue Analyse liefert Daten zur Wirksamkeit des LNG-52 mg-IUD im Vergleich zur Kupferspirale. Die Ergebnisse sind vielversprechend – werfen aber auch wichtige Fragen zur Methodik und zur klinischen Bedeutung auf.
Die Kupferspirale gilt seit Jahrzehnten als Goldstandard der Notfallverhütung. Während orale Präparate wie Levonorgestrel oder Ulipristal nur 52–85 % der erwarteten Schwangerschaften verhindern, liegt die Effektivität der Kupferspirale bei nahezu 100 %. In den letzten Jahren mehren sich Hinweise, dass auch das LNG IUD, bislang ausschließlich zur regulären Kontrazeption zugelassen, wirksam zur Notfallverhütung eingesetzt werden kann.
Eine aktuelle Sekundäranalyse der RAPID-EC-Studie (Turok DK et al. Levonorgestrel vs. Copper Intrauterine Devices for Emergency Contraception. N Engl J Med. 2021;384(4):335–344. doi:10.1056/NEJMoa2022141) quantifiziert nun die verhinderte Schwangerschaftsrate anhand etablierter Zyklustag-spezifischer Konzeptionswahrscheinlichkeiten. Diese Studie hatte ich 2021 im Blog diskutiert und war auf die mangelhafte Beurteilbarkeit aufgrund fehlender Daten zur Zyklustag-bezogenen Fertilität eingegangen. (https://optimist-verlag.de/blog/2021/02/25/lng-iud-zur-notfallkontrazeption-geeignet/) In der jetzigen Analyse wurden 630 Frauen berücksichtigt, die nach ungeschütztem Geschlechtsverkehr ein IUD zur Notfallkontrazeption erhielten – entweder LNG IUD oder Kupfer-T380A. (Nourse SE et al. Estimating emergency contraception efficacy with levonorgestrel and copper intrauterine devices. *Contraception*. 2025; doi:10.1016/j.contraception.2025.110946)
Die RAPID-EC-Studie war eine randomisierte, kontrollierte Nichtunterlegenheitsstudie mit Frauen im Alter von 18–35 Jahren, die ungeschützten Geschlechtsverkehr in den fünf Tagen vor der Vorstellung berichteten. Sie erhielten randomisiert entweder ein LNG- oder ein Kupfer-T380A-IUD.
Zur Quantifizierung der empfängnisverhütenden Wirksamkeit griffen die Autor:innen auf ein bewährtes Modell zur Berechnung der Konzeptionswahrscheinlichkeit zurück – die sogenannte Li-Wilcox-Methode.
Diese Methode basiert auf Daten aus der North Carolina Early Pregnancy Study, in der 221 Frauen mit Kinderwunsch täglich Urinproben abgaben. Mittels Hormonmetaboliten (Östrogen- und Progesteronabbauprodukte) konnte retrospektiv exakt der Ovulationstag bestimmt werden. Daraus wurde die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft je nach Zyklustag des ungeschützten Geschlechtsverkehrs berechnet – sie schwankt im „fruchtbaren Fenster“ (5 Tage vor bis zum Tag der Ovulation) zwischen 4 % und 29 %.
Die aktualisierte Version von Li et al. berücksichtigt zudem, dass bei Frauen mit häufigem Geschlechtsverkehr die Ovulation wahrscheinlicher „getroffen“ wird – das heißt: Das Risiko ist kumulativ nicht rein additiv, sondern durch wiederholten Verkehr erhöht sich die Gesamtkonzeptionswahrscheinlichkeit.
Die Ovulation selbst wurde in dieser jetzigen Studie nicht hormonell gemessen, sondern durch Angabe des Zyklustages nach letzter Menstruation abgeschätzt. Die Frauen mussten ihren ersten Tag der letzten Menstruation ±3 Tage genau angeben können. Damit ließ sich der Zyklustag zum Zeitpunkt des Geschlechtsverkehrs berechnen. Für jeden dieser Tage wurde dann die aus dem Li-Wilcox-Modell stammende Tages-spezifische Schwangerschaftswahrscheinlichkeit angesetzt – sowohl für den jeweils letzten Akt als auch unter Berücksichtigung aller angegebenen Akte in den 5 Tagen vor Einlage.
Bei mehreren Akten wurde die kombinierte Wahrscheinlichkeit nicht einfach addiert, sondern konservativ so gerechnet, dass jeder Geschlechtsverkehr ein unabhängiges Schwangerschaftsrisiko trägt.
In der LNG-IUD-Gruppe trat eine Schwangerschaft unter 312 Frauen auf (0,3 %, 95 %-CI: 0,01–1,8). In der Kupferspiralen-Gruppe blieb es bei null Schwangerschaften (0/318). Erwartet worden wären 14,8 bzw. 22,0 Schwangerschaften (je nach Berechnungsmethode) in der LNG-Gruppe und 15,0 bzw. 23,1 in der Kupfergruppe.
Das entspricht 93,2–95,7 % verhinderter Schwangerschaften mit LNG-IUD und 100 % verhinderter Schwangerschaften mit der Kupferspirale, was einen nicht signifikanten Unterschied bedeutete.
Die eine eingetretene Schwangerschaft betraf eine Teilnehmerin, die an Zyklustag 15 und 17 ungeschützten Geschlechtsverkehr hatte – also mit sehr hoher Wahrscheinlichkeit in der periovulatorischen Phase mit einer Konzeptionswahrscheinlichkeit laut Li-Wilcox-Modell bei bis zu 13,9 %. Das unterstreicht die hohe Fertilität in diesem Zeitfenster – und dass auch bei hochwirksamen Methoden ein Restrisiko verbleibt.
Fazit: Ein weiterer Hinweis darauf, dass ein 52 mg LNG IUD zur Notfallkontrazeption genutzt werden kann. Zugelassen dafür sind LNG IUDs nicht! Lege artis bleibt es dabei, dass eine Kupferspirale die sicherste Form der Notfallkontrazeption bleibt.
Ihr
Michael Ludwig
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