Vor einiger Zeit habe ich einen Kommentar zur vorgeschlagenen neuen FIGO-Klassifikation geschrieben (https://optimist-verlag.de/blog/2022/10/11/figo-propagiert-ein-neues-system-zur-einteilung-von-zyklusstoerungen/) Ich habe darin die fehlende klinische Relevanz angemerkt und das meiner Meinung nach viel zu komplizierte System.

Nun erscheint in der Zeitschrift Fertility & Sterility ein Pro- und Kontra namhafter Autoren und einer Autorin zu diesem FIGO-Vorschlag. (Balen AH, Munro MG, O’Neill HC, Lunenfeld B, Fauser BCJM, The New FIGO Ovulatory Disorder Classification: PRO and CON, Fertility and Sterility (2023), doi: https://doi.org/10.1016/j.fertnstert.2023.01.043) Die beiden Pro-Autoren verteidigen die Systematik und vor allem das Herausheben des PCO-Syndroms in dieser Klassifikation. Gerade letzteres sehe ich als ein relevantes Manko, da es zu einer noch überbordenden Vergabe von Fehldiagnosen führen wird. Von der Kontra-Seite kommt der Hinweis, dass diese Systematik an der klinischen Realität vorbeigeht, dass sie der Patientin nicht hilft, für Laien auch kaum verständlich ist, wichtige Aspekte außer Acht lässt und bei allem Respekt für das Vorgehen der FIGO bei der Erstellung dieser Klassifikation doch an relevanten Stellen nicht auf eine Evidenz sondern willkürliche Parameter baut. Beispielhaft wird dazu die Grenze eines FSH von 40 IE/l bei der Diagnose einer prämaturen Ovarialinsuffizienz benannt.

Wie in meinem eigenen Statement ausgedrückt, sehe ich die Argumente der Kontra-Seite als relevant an und hoffe, dass diese Klassifikation noch einige Jahre auf sich warten lässt, ggf. überarbeitet wird. Die Pro-Autoren schreiben, dass fortschrittliche Vorschläge immer auch auf Widerstand stoßen, bevor sie dann doch breit akzeptiert sind. Sie verweisen dabei auch auf die Rotterdam-Klassifikation des PCO-Syndroms – die ich ähnlich kritisch sehe, wie die neue FIGO-Klassifikation. Bei der Rotterdam ist es insbesondere die Einführung des sonographischen Kriteriums, die ich ablehne, weil gerade dies dazu führt, dass viele Frauen falsch den Stempel „PCO-Syndrom“ bekommen (https://optimist-verlag.de/produkt/pco-syndrom/)

Wir müssen Dinge entwickeln, die die Patientin im Fokus haben und sich auf eine für die Patientin sinnvolle Therapie und auf eine Prognose konzentrieren, so die Kontra-Seite. Das kann ich nur unterschreiben (https://optimist-verlag.de/produkt/sinnvolles-tun-unsinniges-lassen/).

Ihr

Michael Ludwig