Warum erleben manche Frauen die Menopause nahezu beschwerdefrei, während andere unter Hitzewallungen, Schlafstörungen, Stimmungsschwankungen oder einer deutlich eingeschränkten Lebensqualität leiden? Die Antwort wird häufig allein in den Hormonen gesucht. Doch zunehmend zeigt sich, dass die Wechseljahre nicht nur ein endokrinologisches Ereignis sind. Auch Erfahrungen aus früheren Lebensphasen könnten eine Rolle spielen.
Eine aktuelle Studie aus der Türkei untersuchte den Zusammenhang zwischen sogenannten „Adverse Childhood Experiences“ (ACEs) und Wechseljahresbeschwerden. Unter ACEs versteht man belastende Kindheitserfahrungen wie körperliche oder emotionale Vernachlässigung, Missbrauch, familiäre Gewalt oder andere schwerwiegende psychosoziale Belastungen in den ersten 18 Lebensjahren. (Seda Hazar, Gülçin Nacar, Asya Ceren Altunalan. The relationship between adverse childhood experiences, menopausal symptoms, and quality of life. Menopause 2027;34. DOI: 10.1097/GME.0000000000002823)
Die Autorinnen befragten 221 Frauen im Alter zwischen 40 und 65 Jahren, die über soziale Medien rekrutiert wurden. Erfasst wurden belastende Kindheitserfahrungen mittels des etablierten ACE-Fragebogens, die Ausprägung klimakterischer Beschwerden mit der Menopause Rating Scale (MRS) sowie die menopausenspezifische Lebensqualität mittels MENQOL-Fragebogen. Das mittlere Alter der Teilnehmerinnen lag bei 48,3 ± 8,6 Jahren. Knapp die Hälfte befand sich bereits in der Postmenopause, die andere Hälfte war prä- oder perimenopausal.
Bemerkenswert war zunächst die hohe Prävalenz belastender Kindheitserfahrungen. 58,4 % der Frauen berichteten mindestens ein entsprechendes Ereignis. Frauen mit ACEs zeigten ausgeprägtere Wechseljahresbeschwerden als Frauen ohne entsprechende Vorgeschichte. Der mittlere MRS-Gesamtscore betrug 16,9 ± 8,1 Punkte gegenüber 12,9 ± 7,2 Punkten bei Frauen ohne ACEs. Auch die menopausenspezifische Lebensqualität war stärker eingeschränkt: Der MENQOL-Gesamtscore lag bei 2,60 ± 1,43 gegenüber 1,93 ± 1,20 Punkten.
Die Unterschiede betrafen vor allem somatische, psychologische und urogenitale Beschwerden. Interessanterweise zeigte sich beim vasomotorischen MENQOL-Subscore kein statistisch signifikanter Unterschied zwischen Frauen mit und ohne ACEs. Dagegen waren psychosoziale, körperliche und sexuelle Einschränkungen deutlich ausgeprägter.
Auch nach Adjustierung für zahlreiche Einflussfaktoren – darunter Alter, Bildungsstand, Einkommen, Rauchen, chronische Erkrankungen und Menopausenstatus – blieb der Zusammenhang bestehen. Das Vorliegen belastender Kindheitserfahrungen war mit einer durchschnittlich um 3,2 Punkte höheren MRS-Symptomlast assoziiert. Gleichzeitig war die Lebensqualität unabhängig von anderen Faktoren schlechter.
Auf den ersten Blick könnte man versucht sein, daraus zu schließen, dass belastende Kindheitserfahrungen Jahrzehnte später Wechseljahresbeschwerden verursachen. Genau diese Interpretation wäre jedoch problematisch.
Die Studie ist querschnittlich angelegt. Beschwerden und Erinnerungen an Kindheitserfahrungen wurden zum selben Zeitpunkt erhoben. Damit lässt sich keine Kausalität nachweisen. Zudem beruhen die Angaben zu ACEs auf retrospektiver Selbstauskunft. Frauen mit stärkerer aktueller Symptomlast könnten belastende Lebensereignisse anders erinnern oder bewerten als Frauen mit wenigen Beschwerden. Auch zahlreiche potenzielle Einflussgrößen wurden nicht erfasst.
Die interessanteste Interpretation der Daten ist aus meiner Sicht nicht, dass ACEs Wechseljahresbeschwerden verursachen, sondern dass sie möglicherweise die Empfindlichkeit gegenüber Belastungen im späteren Leben prägen.
Seit vielen Jahren zeigen Untersuchungen, dass frühe Belastungserfahrungen langfristige Veränderungen der Stressverarbeitung hinterlassen können. Beschrieben wurden Veränderungen der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden-Achse, Unterschiede in serotonergen Signalwegen sowie persistierende Veränderungen entzündlicher Signalnetzwerke. Die Autorinnen diskutieren zudem Arbeiten, die zeigen konnten, dass ACEs mit Veränderungen funktioneller Hirnnetzwerke, mit erhöhten Entzündungsmarkern und mit einer veränderten Reaktion auf hormonelle Veränderungen während der Menopause assoziiert sind.
Die Menopause könnte somit als eine Art „Stresstest“ eines bereits vorgeprägten biologischen Systems verstanden werden. Der Östrogenabfall wäre dann nicht die alleinige Ursache der Beschwerden, sondern ein Auslöser, der auf eine individuell unterschiedliche Vulnerabilität trifft. Manche Frauen verfügen möglicherweise über eine größere Resilienz gegenüber körperlichen und psychischen Belastungen, während andere sensibler auf dieselben hormonellen Veränderungen reagieren.
Interessanterweise passt diese Interpretation gut zu klinischen Beobachtungen. Wir erleben in unseren Sprechstunden regelmäßig Frauen mit nahezu identischen Hormonwerten, die ihre Wechseljahre völlig unterschiedlich erleben. Während die eine Frau über erhebliche Einschränkungen berichtet, empfindet eine andere dieselben Veränderungen kaum als belastend. Hormone allein können diese Unterschiede offensichtlich nicht vollständig erklären.
Die vorliegende Studie liefert keinen Beweis dafür, dass belastende Kindheitserfahrungen Ursache von Wechseljahresbeschwerden sind. Sie erinnert aber daran, dass die Menopause nicht isoliert betrachtet werden sollte. Wechseljahresbeschwerden entstehen vermutlich aus einem komplexen Zusammenspiel hormoneller, biologischer, psychologischer und sozialer Faktoren, die sich über Jahrzehnte entwickeln.
Ihr
Michael Ludwig
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