Mehr Testosteron, mehr Lust? So einfach ist es offenbar nicht. Eine australische Studie mit 731 Frauen zwischen 40 und 69 Jahren zeigt, wie wenig sich weibliche Sexualität auf einen einzelnen Hormonwert reduzieren lässt. (Yuanyuan Wang et al. Associations between testosterone and pre-androgens and sexual function; findings from the Australian Women’s Midlife Years Study. Fertility & Sterility 2026; im Druck: DOI: 10.1016/j.fertnstert.2026.05.156)
Zwischen den Blutwerten von Testosteron und seinen Vorstufen und dem sexuellen Verlangen fand sich kein relevanter Zusammenhang. Bei Erregung und Orgasmus gab es zwar einzelne Auffälligkeiten. Sie waren jedoch schwach, nicht geradlinig und unterschieden sich je nach Menopausenstatus.
Ein niedriger Testosteronwert erklärt also nicht automatisch eine verminderte Libido. Er eignet sich auch nicht dazu, eine sexuelle Funktionsstörung zu diagnostizieren.
Vieles spricht dafür, dass vaginale Beschwerden, psychisches Wohlbefinden, Beziehung, Lebenssituation und soziale Rollen wesentlich mehr erklären als die gemessene Testosteronkonzentration. Wer sexuelle Beschwerden verstehen möchte, muss deshalb genauer hinschauen – und vor allem weiter als bis zum Laborzettel.
Das begleitende Editorial hebt allerdings eine wichtige Unterscheidung hervor: Aus diesen Ergebnissen folgt nicht, dass Testosteron als Therapie grundsätzlich wirkungslos wäre. Für ausgewählte postmenopausale Frauen mit einer diagnostizierten hypoaktiven sexuellen Luststörung gibt es gute Belege für die Wirksamkeit einer fachgerecht überwachten transdermalen Behandlung. (Holly N. Thomas. It’s complicated: Testosterone, pre-androgens, and sexual function in midlife and older women. Fertility & Sterility 2026; im Druck: DOI: 10.1016/j.fertnstert.2026.07.004)
Die Blutkontrollen dienen dabei vor allem dazu, überhöhte Werte zu vermeiden – nicht dazu, einen vermeintlich optimalen „Libido-Wert“ einzustellen. Kritisch beurteilt das Editorial insbesondere Testosteron-Pellets, da sie schwer steuerbare und mitunter deutlich überhöhte Hormonspiegel erzeugen können.
Weibliche Sexualität ist eben kein Laborwert. Sie entsteht aus dem Zusammenspiel von Körper, Psyche, Beziehung und Lebensumständen. Ich kann die Ergebnisse der Studie und die Ausführungen der Autorin im Editorial nur unterschreiben. An meiner Grundthese rütteln diese Ergebnisse nicht: Die Libido der Frau wird häufig an der Libido des Mannes gemessen und so pathologisiert. Genau dort sollte auch eine gute Beratung ansetzen.
Ihr
Michael Ludwig
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