Im heutigen Blog geht es mal nicht um aktuelle Literatur. Es geht um eine seit einiger Zeit in unseren Sprechstunden auftretende Frage und ihren Hintergrund: Warum möchten Patientinnen ihren Cortisolspiegel bestimmen lassen?
Vor zehn Jahren kam die Frage praktisch nie. Heute fragen Frauen gezielt nach einem Cortisoltest, manche sogar nach einem sogenannten DUTCH-Test, andere bringen bereits Ergebnisse aus Speicheltests oder privaten Laboren mit.
Auffällig ist dabei: Die wenigsten Frauen möchten einen Cortisolwert bestimmen lassen, weil sie eine Erkrankung der Nebennieren vermuten. Vielmehr hoffen sie, dass der Cortisolwert endlich erklärt, warum sie sich seit Monaten erschöpft fühlen, nachts zwischen drei und vier Uhr aufwachen, ständig unter Strom stehen, zunehmen oder trotz ausreichenden Schlafs morgens völlig gerädert sind.
Die Erwartung lautet häufig: “Vielleicht stimmt mit meinem Cortisol etwas nicht.”
Aber was kann ein Cortisolwert tatsächlich aussagen? Und vor allem: Sind der perimenopausale Übergang oder die Postmenopause mit dem Cortisolspiegel assoziiert?
Wer einige Minuten in Internetforen oder sozialen Medien zum Thema Menopause verbringt, erkennt: Cortisol wird dort häufig als Ursache praktisch aller Beschwerden diskutiert:
- Schlafstörungen
- nächtliches Erwachen
- innere Unruhe
- Herzrasen
- Brain Fog
- Bauchfett
- Gewichtszunahme
- Erschöpfung
- “Burnout”
- Hitzewallungen
- Angst
- depressive Stimmung
Nicht selten fällt dabei der Begriff “Adrenal Fatigue”. Gemeint ist damit eine angebliche “Nebennierenerschöpfung”. Dahinter steht die Vorstellung, dauerhafter Stress lasse die Nebennieren zunächst zu viel Cortisol produzieren, später seien sie “erschöpft” und produzierten schließlich zu wenig. Das klingt zunächst plausibel, so wie solche Erzählungen häufig sehr plausibel klingen. Das Problem ist, für dieses Krankheitsbild gibt es bislang keine wissenschaftliche Evidenz.
Systematische Übersichtsarbeiten fanden keinen belastbaren Nachweis dafür, dass eine solche “Nebennierenerschöpfung” tatsächlich existiert. Eine Arbeit, die insgesamt 58 Publikationen dazu auswertete, verweist die Diagnose in den Bereich der Mythen. (Flavio A. Cadegiani und Claudio E. Kater. Adrenal fatigue does not exist: a systematic review. BMC Endocr Disord. 2016 Aug 24;16(1):48. doi: 10.1186/s12902-016-0128-4) Auch die Endocrine Society weist in einem Beitrag vom 25. Januar 2022 ausdrücklich darauf hin, dass es keinen validierten Test gibt, mit dem sich eine “Adrenal Fatigue” diagnostizieren ließe. (https://www.endocrine.org/patient-engagement/endocrine-library/adrenal-fatigue?utm_source=chatgpt.com, abgerufen am 08.07.2026)
Nun zweifle ich nicht an den angegebenen Beschwerden. Nur liegt die Ursache nicht in einer langsam versagenden Nebennierenrinde.
Teils wird inzwischen nach einem sogenannten DUTCH-Test gefragt. DUTCH steht für Dried Urine Test for Comprehensive Hormones. Dabei werden über den Tag verteilt mehrere Urinproben auf Filterpapier gesammelt. Anschließend werden zahlreiche Hormonmetaboliten bestimmt, unter anderem:
- Cortisol
- Cortison
- Östrogenmetaboliten
- Progesteronmetaboliten
- Androgene
Die Befürworter argumentieren, man könne dadurch den Tagesverlauf der Cortisolproduktion besser beurteilen als mit einer einzelnen Blutentnahme. Das ist eine gute Idee, da insbesondere das Cortisol über den Tagesverlauf hinweg schwankt. DUTCH-Tests können in wissenschaftlichen Studien durchaus interessante Informationen über den Steroidstoffwechsel liefern. Daraus folgt jedoch nicht automatisch, dass sich individuelle Beschwerden dadurch erklären oder gar therapeutische Konsequenzen ableiten lassen.
In der klassischen Endokrinologie ist Cortisol keine Screening-Untersuchung zu Stress. Gemessen wird es Cortisol allem bei Verdacht auf eine Nebennierenrindeninsuffizienz (Morbus Addison) oder einen Hyperkortisolismus (Cushing-Syndrom). Bei Verdacht auf eine Nebenniereninsuffizienz erfolgt die Bestimmung morgens, nüchtern, gegebenenfalls ergänzt durch einen ACTH-Stimulationstest. Bei Verdacht auf ein Cushing-Syndrom kommen unter anderem der Dexamethason-Hemmtest (1 mg), Mitternachtsspeichelcortisol oder freies Urincortisol zum Einsatz.
Mit den Fragestellungen unserer Patientinnen im perimenopausalen Übergang oder in der Postmenopause haben diese Untersuchungen allerdings nichts zu tun.
Sehen wir uns Daten zur Physiologie des Cortisolverlaufs an. Viele Menschen stellen sich vor, Cortisol erreiche gegen vier oder fünf Uhr morgens seinen höchsten Wert und falle anschließend kontinuierlich ab. Während der zweiten Nachthälfte beginnt die Cortisolproduktion anzusteigen, das passiert meist schon vor vier oder fünf Uhr. Mit dem Erwachen tritt ein weiteres Phänomen auf, die Cortisol Awakening Response (CAR). Innerhalb der ersten 30 bis 45 Minuten nach dem Aufwachen steigt Cortisol bei gesunden Menschen noch einmal deutlich an.
Dabei überlagern sich zwei Prozesse. Der eine ist der zircadiane Rhythmus der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse und der andere eine zusätzliche Aktivierung unmittelbar nach dem Erwachen. Deshalb wird der höchste Cortisolwert häufig erst etwa 30 bis 45 Minuten nach dem Aufstehen gemessen.
Anschließend sinkt Cortisol kontinuierlich über den Tag ab und erreicht gegen Mitternacht seine niedrigsten Werte.
Teils interessiert in Studien der Abendwert. Dieser zeigt an, dass die zirkadiane Regulation funktioniert. Erhöhte Abend- oder Nachtwerte finden sich häufiger bei
- chronischem Stress,
- Schlafstörungen,
- Depressionen,
- Schichtarbeit,
- metabolischen Erkrankungen
- oder höherem Lebensalter.
Gerade deshalb enthalten viele wissenschaftliche Studien zur Cortisolphysiologie Messungen am Abend oder vor dem Schlafengehen. Dabei ist aber das abendliche Cortisol nicht Ursache sondern Folge der Beschwerden.
Was passiert mit dem Altern? In einer Untersuchung mit 143 gesunden Erwachsenen über 24 Stunden wurden zu dieser Frage alle zehn Minuten Cortisolwerte bestimmt. (Ferdinand Roelfsema et al. Impact of age, sex and body mass index on cortisol secretion in 143 healthy adults. Endocrine Connections. 2017;6:500–509. DOI: 10.1530/EC-17-0160)
Dabei zeigte sich, dass vor der Menopause Frauen im Durchschnitt niedrigere Cortisolkonzentrationen als gleichaltrige Männer haben. Nach dem 50. Lebensjahr verschwindet dieser Geschlechtsunterschied jedoch weitgehend. Mit zunehmendem Alter verschiebt sich die zirkadiane Cortisolrhythmik zudem leicht nach vorne. Im Mittel tritt der Cortisolgipfel etwa 24 Minuten früher pro Lebensjahrzehnt auf. Das bedeutet jedoch keineswegs, dass der Peak, die Acrophase, irgendwann nachts um zwei Uhr liegt. Es handelt sich vielmehr um eine relativ geringe Vorverlagerung der gesamten biologischen Uhr, wie sie auch für Schlaf, Melatonin oder Körpertemperatur beschrieben wurde.
Warum das geschieht, ist bis heute nicht vollständig geklärt. Wahrscheinlich handelt es sich weniger um einen biologischen Vorteil als um eine normale Alterung der zentralen zircadianen Steuerung im suprachiasmatischen Nukleus des Hypothalamus.
Auch der Einfluss des menopausalen Übergangs wurde in Studien untersucht. Obwohl viele Internetseiten behauptet, die Wechseljahre führten zu höheren Cortisolspiegeln, sprechen die besseren Studien eher dagegen. In der Swiss Perimenopause Study wurden 127 Frauen über ein Jahr hinweg mehrfach täglich untersucht. (Jessica Grub et al. Steroid hormone secretion over the course of the perimenopause: Findings from the Swiss Perimenopause Study. Front Glob Womens Health. 2021;2:774308. DOI: 10.3389/fgwh.2021.774308) Dabei wurden Speichelproben unmittelbar nach dem Erwachen, 30 Minuten später, 60 Minuten später, mittags und vor dem Schlafengehen analysiert.
Die vier Autorinnen sahgen in Ihren Ergebnissen keinen signifkanten Einfluss des Übergangs von der frühen zur späten Perimenopause auf den Cortisolverlauf. Auch andere longitudinale Studien, die die Autorinnen zitieren, kommen zu einem ähnlichen Ergebnis.
Die Cortisol Awakening Response war in einer anderen Untersuchung nicht unterschiedlichen zwischen Frauen mit regulären Zyklen gegenüber solchen in der Postmenopause. (Ryun S Ahn et al. Cortisol, estradiol-17β, and progesterone secretion within the first hour after awakening in women with regular menstrual cycles. Journal of Endocrinology 2011; 211: 285-296. DOI: 10.1530/JOE-11-0247)
In der Seattle Midlife Women’s Health Study wurden über 15 Jahre täglich Schlaf und Urin‑Cortisol erfasst. Hier stiegen die durchschnittlichen Übernacht‑Cortisolwerte vom frühen in den späten menopausalen Übergang (45,3 ng/mg vs. 53,4 ng/mg Kreatinin) und sanken dann im frühen Postmenopause‑Stadium (46,4 ng/mg). Diese Unterschiede waren klein. In den statistischen Mixed-Effects-Modellen zeigte sich kein signifikanter Altersanstieg der nächtlichen Cortisolausscheidung. Signifikante Zusammenhänge fanden sich vielmehr mit den kontinuierlichen hormonellen Markern Estronglucuronid, FSH und Testosteron. Die drei Autorinnen sind sich zur Bedeutung dieser minimalen Veränderung unschlüssig und vermuten, dass die nächtliche Cortisolproduktion ggf. ein schlechter Marker ist, weniger aussagekräftig als z.B. der morgendliche Anstieg. Die Autorinnen interpretieren die Assoziation zwischen Cortisol und den hormonellen Markern Estronglucuronid, FSH und Testosteron als Hinweis darauf, dass die hormonellen Veränderungen während des menopausalen Übergangs mit der nächtlichen Cortisolausscheidung zusammenhängen könnten. Die Studie erlaubt jedoch keine Aussage über Ursache und Wirkung. Ebenso denkbar wäre, dass sowohl die Veränderungen der Sexualhormone als auch der Cortisolregulation Ausdruck gemeinsamer neuroendokriner Anpassungsprozesse während des reproduktiven Alterns sind. Diese Interpretation geht allerdings über die Schlussfolgerungen der Autorinnen hinaus. (Nancy Fugate Woods, Ellen Sullivan Mitchell und Kathleen Smith-DiJulio. Cortisol Levels during the Menopausal Transition and Early Postmenopause: Observations from the Seattle Midlife Women’s Health Study. Menopause 2009; 16: 708-718. DOI: 10.1097/gme.0b013e318198d6b2)
Die Veränderungen der Cortisolrhythmik und -werte scheinen überwiegend durch das Alter, nicht durch die nachlassende ovarielle Funktion erklärt zu werden.
Ganz bedeutungslos ist der perimenopausale Übergang für Cortisol allerdings nicht. Studien zeigen Hinweise darauf, dass Frauen mit ausgeprägten vasomotorischen Beschwerden eine abgeflachte Cortisol Awakening Response entwickeln können, dass also der zusätzliche Cortisolanstieg nach dem Erwachen geringer ausfällt. Dies wird anhand der Daten als Folge nächtlicher vasomotorischer Beschwerden mit Schlafunterbrechungen, wiederholtem Erwachen, vegetativer Aktivierung und chronischem Stress bewertet. (S. D. Reed et al. Daily salivary cortisol patterns in midlife women with hot flashes. Clinical Endocrinology (Oxford). 2016;84:672-9. DOI: 10.1111/cen.12995) Dies zeigte sich auch in einer 12-wöchigen Untersuchung mit 101 Frauen, bei denen die Cortisol Awakening Reponse abhängig von vasomotorischen Beschwerden anhand von Speichelproben beurteilt wurde. (Tianna Sauer et al. Perimenopausal vasomotor symptoms and the cortisol awakening response. Menopause 2020; 27:1322-1327. DOI: 10.1097/GME.0000000000001588)
Stress, vasomotorische Beschwerden und Schlafstörungen vermitteln eine Veränderung der morgendlichen Cortisolwerte, jedoch nicht der menopausale Übergang, die hormonellen Veränderungen, selbst.
Viele Frauen wünschen sich einen Cortisoltest, weil sie sich eine Erklärung für ihre Beschwerden erhoffen. Diese Hoffnung kann ich verstehen, wobei offen bliebe, was denn die Konsequenz wäre, würde man etwas finden. Die wissenschaftlichen Daten zeigen einen solchen kausalen Zusammenhang nicht. Allerdings erklären anders herum vorliegende Beschwerden, die unterschiedliche Quellen haben, veränderte Cortisolwerte. Eine Cortisolbestimmung, sei es mit dem abendlichen Wert oder dem morgendlichen ist in Hinblick auf den perimenopausalen Übergang oder die Postmenopause nicht sinnvoll.
Ihr
Michael Ludwig
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