Vor wenigen Wochen erschien im Lancet ein bemerkenswerter Artikel. Nicht etwa über eine neue Therapie, einen neuen Risikofaktor oder eine neue genetische Entdeckung beim polyzystischen Ovarsyndrom. Sondern über seinen Namen. (Helena J. Teede et al. Polyendocrine metabolic ovarian syndrome, the new name for polycystic ovary syndrome: a multistep global consensus process. Lancet 2026; 407: 2329–39. DOI: 10.1016/S0140-6736(26)00717-8)
Nach einem mehrjährigen internationalen Konsensusprozess schlagen die Autor:innen vor, das bisherige „Polycystic Ovary Syndrome“ (PCOS) künftig durch „Polyendocrine Metabolic Ovarian Syndrome“ (PMOS) zu ersetzen. An dem Prozess waren 56 internationale Fachgesellschaften und Patient:innenorganisationen beteiligt. Mehr als 14.000 Betroffene und Gesundheitsfachkräfte wurden im Rahmen mehrerer Befragungsrunden einbezogen.
Mein erster Gedanke beim Lesen war allerdings nicht: „Endlich haben wir einen besseren Namen.“
Mein erster Gedanke war: „Haben wir vielleicht ein größeres Problem als den Namen?“
Einerseits verweist auch der aktuelle Lancet-Artikel darauf, dass weltweit ein erheblicher Anteil der Betroffenen nie diagnostiziert wird. Andererseits habe ich schon häufiger auch in diesem Blog das Problem thematisiert, dass die Diagnose in manchen Situationen sehr großzügig vergeben wird. Nicht jede übergewichtige Frau mit Zyklusunregelmäßigkeiten hat zwangsläufig ein PCOS. Nicht selten ist die Adipositas das primäre Problem und die hormonellen Veränderungen die Folge. Das klinische Bild ist identisch zu dem eines PCOS
Unabhängig davon, dass Patientinnen zu Unrecht die Diagnose „PCOS“ erhalten, ist vermutlich eines der Grundprobleme des Syndroms, dass unter dem Begriff PCOS unterschiedliche biologische Konstellationen zusammengefasst werden, die sich klinisch ähneln, deren Ursachen aber keineswegs identisch sein müssen.
Der Begriff „polyzystisches Ovarsyndrom“ suggeriert, dass es sich um eine Erkrankung der Ovarien handelt, bei der Zysten eine zentrale Rolle spielen. Beides stimmt nur eingeschränkt. Die typischen sonographischen Veränderungen stellen keine pathologischen Zysten dar, sondern zahlreiche kleine antrale Follikel. Gleichzeitig wissen wir seit vielen Jahren, dass die Erkrankung weit über das Ovar hinausgeht. Hyperandrogenämie, Insulinresistenz, Adipositas, Prädiabetes, Fettleber, Hypertonie, Schwangerschaftskomplikationen, Schlafapnoe und kardiovaskuläre Risiken sowie ggf. auch Depressionen und Angststörungen gehören ebenso zum Krankheitsbild wie Zyklusunregelmäßigkeiten oder die Subfertilität.
Genau hierin sehen die Autor:innen des Lancet-Artikels einen wesentlichen Grund für Fehlinformationen, verzögerte Diagnosen und fragmentierte Versorgung.
Der neue Name entstand im Rahmen eines sogenannten Delphi-Prozesses. Dabei handelt es sich um ein strukturiertes Verfahren zur Konsensfindung. Expertinnen und Experten – in diesem Fall zusätzlich auch Betroffene – werden wiederholt zu bestimmten Fragestellungen befragt. Nach jeder Runde erhalten die Teilnehmenden eine Zusammenfassung der Ergebnisse und können ihre Einschätzung in einer weiteren Runde erneut überdenken. Ziel ist nicht, wissenschaftliche Wahrheit zu erzeugen, sondern einen möglichst breiten Konsens zu erreichen. In diesem Fall flossen die Rückmeldungen von mehr als 14.000 Personen in die endgültige Entscheidung ein.
Der neue Name beschreibt die Erkrankung zweifellos besser als der alte. Niemand wird künftig mehr glauben müssen, es gehe primär um Ovarialzysten. Aber wird dadurch die diagnostische Unsicherheit geringer? Wird künftig klarer sein, welche Frau tatsächlich betroffen ist und welche nicht?
Hier bin ich skeptisch.
Denn möglicherweise handelt es sich bei dem, was wir heute als PCOS – oder künftig PMOS – bezeichnen, gar nicht um eine einzige Erkrankung. Die genetischen Studien der letzten Jahre sprechen eher für das Gegenteil. Der Lancet-Artikel verweist selbst auf zahlreiche genomweite Assoziationsstudien und unterschiedliche neuroendokrine, metabolische und reproduktive Signalwege. Hyperandrogenämie und Insulinresistenz scheinen gemeinsame Nenner vieler Betroffener zu sein. Die genetischen Ursachen dahinter dürften jedoch ausgesprochen heterogen sein.
Vielleicht beschreiben wir mit PMOS deshalb weniger eine einzelne Erkrankung als vielmehr ein klinisches Syndrom, das aus unterschiedlichen genetischen und biologischen Wegen hervorgehen kann. Die eine Patientin entwickelt vor allem eine ausgeprägte Insulinresistenz, die andere eine dominante ovarielle Androgenproduktion, die dritte eine neuroendokrine Dysregulation. Im Ergebnis sehen wir ähnliche Symptome – die biologischen Ursachen könnten jedoch durchaus verschieden sein.
In diesem Sinne hätte man fast noch einen Schritt weitergehen können. Wenn die Erkrankung tatsächlich durch zahlreiche genetische Varianten geprägt wird, wäre „Polyendocrine Polygenetic Metabolic Ovarian Syndrome“ wissenschaftlich vielleicht sogar präziser gewesen.
Interessanterweise wurde dieser Gedanke im Konsensusprozess nicht verfolgt. Die Autor:innen diskutieren zwar die polygenen Grundlagen des Syndroms mehrfach und beziehen sich auf aktuelle genetische Analysen. Der Begriff „polygenic“ fand jedoch keinen Eingang in die Namensdiskussion. Vermutlich aus gutem Grund: Ein Krankheitsname soll nicht nur wissenschaftlich korrekt sein, sondern auch verständlich und praktikabel bleiben.
Genau hier liegt vielleicht die eigentliche Stärke des neuen Namens. PMOS behauptet nicht, alle biologischen Fragen gelöst zu haben. Der Begriff erinnert vielmehr daran, dass wir es mit einer Erkrankung zu tun haben, die weit über das Ovar hinausgeht und bei der Stoffwechsel, Hormonsystem und Reproduktion eng miteinander verwoben sind.
Ob PMOS langfristig tatsächlich zu einer besseren Diagnostik führt, bleibt abzuwarten. Sicher ist dagegen bereits heute: Die Umbenennung löst nicht das grundsätzliche Problem, dass wir wahrscheinlich noch immer mehrere unterschiedliche biologische Entitäten unter einem gemeinsamen klinischen Dach zusammenfassen.
Vielleicht wird die nächste große Entwicklung deshalb nicht ein weiterer neuer Name sein. Vielleicht werden wir in zehn oder zwanzig Jahren vielmehr von verschiedenen PMOS-Subtypen sprechen – definiert durch unterschiedliche genetische, metabolische und endokrine Profile.
Das wäre dann möglicherweise der Schritt von einer beschreibenden Diagnose hin zu einer biologisch begründeten Klassifikation.
PCOS oder PMOS sind eben dies: Syndrome. Sie beschreiben ein typisches Muster von Symptomen und nicht eine kausale Pathologie.
Ihr
Michael Ludwig
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