Das polyzystische Ovarsyndrom (PCOS) gehört zu den häufigsten endokrinologischen Erkrankungen von Frauen im reproduktiven Alter. Seit Jahren gilt insbesondere das erhöhte Risiko für Endometriumkarzinome als gut belegt.
Eine jetzt veröffentlichte Studie kommt zu dem Schluss, dass Frauen mit PCOS nicht nur häufiger an Endometriumkarzinomen, sondern auch deutlich häufiger an Mamma-, Ovarial- und sogar Zervixkarzinomen erkranken. (Snigdha Alur-Gupta et al. Polycystic ovary syndrome and its association with reproductive cancers in women. Fertility and Sterility, 2026. DOI: 10.1016/j.fertnstert.2026.05.158)
Die Autor:innen analysierten Daten aus der US-amerikanischen Optum-Clinformatics-Datenbank, einer großen Versicherungsdatenbank mit Abrechnungsdaten aus den Jahren 2000 bis 2022. Insgesamt wurden 422.613 Frauen mit diagnostiziertem PCOS mit 2.113.065 altersgematchten Frauen ohne PCOS verglichen. Das mittlere Alter betrug in beiden Gruppen 31 ± 7,1 Jahre, die durchschnittliche Nachbeobachtungszeit lediglich 3,6 ± 4,1 (Kontrollen) bzw. 3,7 ± 4,1 Jahre (Studiengruppe).
Nach Adjustierung für zahlreiche Einflussfaktoren – darunter Adipositas, Diabetes, Hypertonie, Hyperlipidämie, Rauchen, Infertilität, Bildungsgrad, Ethnie, hormonelle Kontrazeption und hereditäre Tumorsyndrome – fanden sich folgende Risiken:
- Mammakarzinome: adjustierte Hazard Ratio (aHR) 2,66 (95 % KI 2,50–2,83)
- Endometriumkarzinome aHR 5,76 (95 % KI 5,13–6,48)
- Ovarial- bzw. Tubenkarzinome aHR 4,38 (95 % KI 3,90–4,92)
- Zervixkarzinome aHR 2,22 (95 %-KI 2,06–2,37)
Auf den ersten Blick erscheinen diese Ergebnisse eindrucksvoll. Gerade deshalb lohnt sich ein genauer Blick auf die Methodik.Der vielleicht wichtigste Punkt fällt bereits bei der Prävalenz des PCOS in der Datenbank auf. In der ursprünglichen Datenbasis fanden sich 603.458 Frauen mit einer PCOS-Diagnose unter insgesamt 47,5 Millionen Frauen. Das entspricht einer Prävalenz von lediglich etwa 1,3 %. Selbst nach Einschränkung auf Frauen mit ausreichender Versicherungsdauer lag die Prävalenz nur bei etwa 2,7 %. Beides liegt deutlich unter den aus populationsbasierten Studien bekannten Zahlen. Je nach verwendeten Diagnosekriterien wird die Prävalenz des PCOS üblicherweise zwischen 6 und 15 % angegeben. Ich gehe von einer Prävalenz von etwa 5-7 % aus.
Damit drängt sich die wichtige Frage auf: Welche Frauen wurden in dieser Datenbank überhaupt als PCOS-Patientinnen erfasst? Wahrscheinlich dürfte es sich überwiegend um diejenigen handeln, die aufgrund ausgeprägter Symptome überhaupt diagnostiziert wurden – also Frauen mit stärkerer Hyperandrogenämie, ausgeprägteren Zyklusstörungen, höherer metabolischer Belastung, häufigerem Kinderwunsch oder intensiverer medizinischer Betreuung.
Genau das könnte erklären, warum die beobachteten Risikosteigerungen teilweise deutlich höher ausfallen als in früheren Untersuchungen.
Am wenigsten überraschend ist der Befund zum Endometriumkarzinom. Bereits die aktuelle internationale PCOS-Leitlinie weist auf dieses erhöhte Risiko hin. Eine Metaanalyse von Li et al. aus dem Jahr 2022 fand eine Odds Ratio von 3,66 (95 % KI 2,05–6,54) (Li Z et al. Polycystic ovary syndrome and the risk of endometrial, ovarian and breast cancer: An updated meta-analysis. Scott Med J 2022;67:109-20), eine US-amerikanische Analyse der National Inpatient Sample-Datenbank aus dem Jahr 2024 eine Odds Ratio von 3,91 (95 % KI 3,31–4,59) (Abu-Zaid A, Baradwan S, Alyafi M, Al Baalharith M, Alsehaimi SO, Alsabban M et al. Association between polycystic ovary syndrome and the risk of malignant gynecologic cancers (ovarian, endometrial, and cervical): A population-based study from the U.S.A. National Inpatient Sample 2016-2019. Eur J Obstet Gynecol Reprod Biol 2024;299:283-8). Die nun beobachtete Hazard Ratio von 5,76 liegt zwar etwas höher, bewegt sich aber grundsätzlich in derselben Richtung. Pathophysiologisch erscheint dieser Zusammenhang aufgrund chronischer Anovulation und langfristiger Östrogenexposition ohne ausreichende Gestagenwirkung plausibel.
Deutlich kontroverser sind die Ergebnisse zum Mammakarzinom. Die von den Autor:innen selbst zitierte Metaanalyse von Li et al. aus dem Jahr 2022 fand keinen Zusammenhang zwischen PCOS und Mammakarzinom (OR 0,94, 95 % KI 0,78–1,14). Auch eine schwedische Registerstudie berichtete keine Risikoerhöhung (HR 0,91, 95 % KI 0,65–1,27), ebenso wenig eine taiwanesische Kohortenstudie (aHR 0,98, 95 % KI 0,58–1,65). (Yin W et al. Association Between Polycystic Ovary Syndrome and Cancer Risk. JAMA Oncology 2019;5:106-7 und Ding DC et al. Association between polycystic ovarian syndrome andendometrial, ovarian, and breast cancer: A population-based cohort study in Taiwan. Medicine (Baltimore) 2018;97:e12608.
Demgegenüber berichtet die aktuelle Arbeit eine Hazard Ratio von 2,66. Sollte dieser Wert tatsächlich die Realität widerspiegeln, wäre dies eine der stärksten bislang beschriebenen Assoziationen zwischen PCOS und Mammakarzinom überhaupt. Gerade deshalb erscheint Zurückhaltung angebracht, bis vergleichbare Ergebnisse in unabhängigen Kohorten bestätigt werden.
Auch die Ergebnisse zum Ovarial- beziehungsweise Tubenkarzinom fallen ungewöhnlich stark aus. Die Metaanalyse von 2022 beschrieb lediglich bei jüngeren Frauen unter 54 Jahren ein erhöhtes Risiko mit einer Odds Ratio von 2,32 (95 % KI 1,51–3,56). Die nun beobachtete Hazard Ratio von 4,38 liegt deutlich darüber.
Besonders vorsichtig sollte man den erstmals beschriebenen Zusammenhang mit Zervixkarzinomen interpretieren. Hier fehlen in der Datenbank ausgerechnet die wichtigsten Einflussgrößen: HPV-Status, HPV-Impfung und Screeningverhalten. Da die Entstehung von Zervixkarzinomen wesentlich durch persistierende HPV-Infektionen bestimmt wird, erscheint eine kausale Verbindung zu PCOS derzeit spekulativ.
Ein weiterer Aspekt verdient Beachtung: Das durchschnittliche Alter der Frauen lag bei lediglich 31 Jahren, die mittlere Nachbeobachtungszeit bei weniger als vier Jahren. Viele Mammakarzinome und Ovarialkarzinome treten jedoch erst Jahrzehnte später auf. Die Studie beschreibt daher letztlich nicht das Lebenszeitrisiko von Frauen mit PCOS, sondern die Tumorhäufigkeit in einem vergleichsweise jungen, medizinisch intensiv betreuten Kollektiv.
Das bedeutet nicht, dass die Ergebnisse falsch sind. Es bedeutet aber, dass die beobachteten Zusammenhänge nicht automatisch als kausale Effekte interpretiert werden dürfen.
Für die klinische Praxis bestätigt die Arbeit vor allem das bereits bekannte erhöhte Risiko für Endometriumkarzinome. Die Befunde zu Mamma-, Ovarial- und Zervixkarzinomen sind dagegen interessant und sollten weiter untersucht werden. Ob sie tatsächlich ein erhöhtes Krebsrisiko widerspiegeln oder zumindest teilweise Ausdruck einer Selektion besonders schwer betroffener PCOS-Patientinnen sowie einer intensiveren medizinischen Überwachung sind, bleibt derzeit offen.
Ihr
Michael Ludwig
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