Die Frage, wie die mütterliche Schilddrüsensituation in der Schwangerschaft mit einem erhöhten Risiko für Autismus-Spektrum-Störungen (ASD) beim Kind assoziiert ist, wird durch eine aktuelle Kohortenstudie aufgegriffen. (Leena Elbedour et al. Maternal Thyroid Hormone Imbalance and Risk of Autism Spectrum Disorder. Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism 2026;111:e1412–e1420. DOI: 10.1210/clinem/dgaf596)

 Die Studie basiert auf einer retrospektiven Kohorte von 51.296 Einlingsgeburten (2011–2017) mit Nachverfolgung der Kinder bis 2021. Insgesamt wiesen 4.409 Frauen (8,6%) eine Form von Schilddrüsendysfunktion auf. Darunter fanden sich 1.161 mit chronischer Hypothyreose, 1.600 mit ausschließlich gestationsbedingter Hypothyreose und 1.054 mit einer Kombination aus chronischer und gestationsbedingter Hypothyreose. Hyperthyreose spielte zahlenmäßig eine untergeordnete Rolle (z. B. nur 100 Frauen mit chronischer Hyperthyreose), sodass hierfür keine stabilen Analysen möglich waren. Die ASD-Inzidenz lag insgesamt bei etwa 1,2 %, mit einem medianen Diagnosealter von 4,6 Jahren. Die Exposition wurde nicht über Diagnosen allein, sondern differenziert über TSH- und fT4-Werte pro Trimenon sowie ICD-basierte Vorerkrankungen definiert, was eine zeitliche Zuordnung der hormonellen Situation während der Schwangerschaft erlaubte.

Bei isolierter Betrachtung zeigt sich weder für eine chronische Hypothyreose (aHR 0,47, 95 % KI 0,15–1,48) noch für eine ausschließlich in der Schwangerschaft nachweisbare Hypothyreose (aHR 1,19, 95 % KI 0,52–2,70) ein signifikanter Zusammenhang.

Interessant – und zugleich erklärungsbedürftig – ist die Differenzierung nach Schweregrad: Für die manifeste Hypothyreose ergibt sich kein signifikanter Effekt (aHR 2,11; 95 % KI 0,86–5,18), während für die subklinische Hypothyreose ein moderater, statistisch signifikanter Zusammenhang berichtet wird (aHR 1,65; 95 % KI 1,10–2,48). Diese Konstellation wirkt zunächst kontraintuitiv. Am ehesten lässt sie sich durch unterschiedliche Fallzahlen erklären: Die manifeste Hypothyreose ist selten, die Konfidenzintervalle entsprechend breit – während subklinische Konstellationen häufiger auftreten und statistisch „greifbarer“ sind.

Der einzige konsistente positive Befund findet sich auf einer anderen Ebene: Je länger eine Hypothyreose über die Schwangerschaft hinweg bestand, desto stärker die Assoziation – mit aHR 1,69 (95 % KI 1,19–2,83) bei einem betroffenen Trimenon, 2,39 (95 % KI 1,24–5,78) bei zwei und 3,25 (95 % KI 1,07–7,21) bei drei Trimenonen.

Informationen zur konkreten Therapie (z. B. L-Thyroxin-Dosierung oder Adhärenz) fehlen.

Interessante Ergebnisse, wenn man bedenkt, dass bislang eher eine Hyperthyreose bzw. eine mit Schlddrüsenhormonen überregulierte Therapie in der Schwangerschaft als problematisch bzgl. ASD diskutiert wurde – dazu hatte ich vor nicht allzu lange Zeit Daten einer dänischen Registerauswertung mit beruhigenden Ergebnissen gezeigt.

Ihr

Michael Ludwig