Anti-Müller-Hormon (AMH) gilt als etablierter Marker der ovariellen Reserve – und zugleich als einer der am häufigsten missverstandenen Laborwerte in der reproduktionsmedizinischen Beratung. Eine nun veröffentlichte, außergewöhnlich große und langfristig angelegte Analyse aus der niederländischen Doetinchem Cohort Study erlaubt eine Einordnung wie AMH-Werte im Kontext von Lebensstilfaktoren zu interpretieren sind. (Lotte Werner et al. Exploring the association of lifestyle factors with anti-Müllerian hormone levels and decline rate. Reproductive Biomedicine Online 2026; im Druck: 10.1016/j.rbmo.2025.105432)

Die Doetinchem Cohort Study ist keine reproduktionsmedizinische Spezialkohorte, sondern eine bevölkerungsbasierte Gesundheitsstudie, die zwischen 1987 und 1991 rekrutiert wurde. Ursprünglich konzipiert zur Untersuchung von Lebensstilfaktoren und chronischen Erkrankungen, wurden die Teilnehmerinnen alle fünf Jahre erneut untersucht – unabhängig von einer vorherigen Teilnahme. Für die vorliegende Analyse konnten bei 2.761 Frauen insgesamt 13.805 AMH-Messungen über einen Zeitraum von rund 20 Jahren ausgewertet werden. Genau diese lange Nachbeobachtung machen die Studie methodisch so stark.

Zentral ist die Trennung zweier Betrachtungen: das absolute AMH-Niveau und die Abnahmerate über die Zeit.

Am deutlichsten zeigt sich das am Beispiel oraler Kontrazeptiva. Frauen unter aktueller Einnahme wiesen im Mittel um 41,5 % niedrigere AMH-Werte auf als Nie-Anwenderinnen. Gleichzeitig zeigte das Modell eine scheinbar langsamere jährliche Abnahme des AMH (+0,11 ng/ml/Jahr). Dieser Befund ist jedoch kein Hinweis auf eine „Schonung“ der ovariellen Reserve. Die Autor:innen interpretieren ihn plausibel als Folge der hypothalamisch-hypophysären Suppression unter kombinierten oralen Kontrazeptiva: verminderte FSH- und LH-Spiegel führen zu reduzierter Follikelrekrutierung und geringerer AMH-Produktion durch Granulosazellen. Dass ehemalige Anwenderinnen keine Unterschiede mehr aufwiesen und andere Studien kein erhöhtes Risiko für eine frühere Menopause zeigen, stützt diese Interpretation. Die verlangsamte Abnahme ist damit ein Messphänomen.

Auch Rauchen zeigt einen klaren Effekt auf das AMH-Niveau, nicht jedoch auf die langfristige Dynamik. Aktive Raucherinnen hatten etwa 20 % niedrigere AMH-Werte, ehemalige Raucherinnen rund 13 % niedrigere. Die jährliche Abnahmerate unterschied sich jedoch nicht von der von Nie-Raucherinnen. Interessant ist ein Befund, den frühere Studien so nicht abbilden konnten: Nach Rauchstopp zeigte sich über mehrere Jahre hinweg eine temporäre Stagnation der AMH-Abnahme. Die Autor:innen bleiben hier bewusst zurückhaltend. Es gibt keinen Hinweis darauf, dass ehemalige Raucherinnen ihr niedrigeres AMH-Niveau wieder „aufholen“ oder langfristig über dem Verlauf von Nie-Raucherinnen liegen. Weder wird ein vollständiger Ausgleich gezeigt, noch lässt sich eine Zeitspanne angeben, nach der sich die Kurven angleichen würden. Die klinische Bedeutung dieses kurzfristigen Plateaus bleibt ausdrücklich offen.

Deutlich unspektakulärer fallen die Ergebnisse für andere häufig diskutierte Lebensstilfaktoren aus. Weder Alkohol, körperliche Aktivität noch der Body-Mass-Index waren konsistent mit AMH-Niveau oder Abnahmerate assoziiert. Die Autor:innen setzen sich explizit mit widersprüchlichen früheren Arbeiten auseinander, die bei höherem BMI niedrigere AMH-Werte beschrieben hatten. Sie diskutieren mögliche Störfaktoren, insbesondere durch ein PCO-Syndrom.

Ein statistisch signifikanter, biologisch jedoch schwer einzuordnender Befund betrifft Kaffee- und Teekonsum. Frauen im höchsten Konsumterzil hatten im Mittel etwa 10 % höhere AMH-Werte, ohne Unterschied in der Abnahmerate. Die Autor:innen verzichten auf kausale Spekulationen. Sie halten ausdrücklich fest, dass derzeit keine belastbaren mechanistischen Schlüsse möglich sind.

Gerade im Schlussteil wird deutlich, wie sorgfältig diese Arbeit interpretiert ist. Trotz der Einordnung von AMH als valider Marker der ovariellen Reserve warnen die Autor:innen vor Überdehnung seiner Bedeutung. Wörtlich schreiben sie: “We wish to underscore the limitations of directly extrapolating levels of AMH or AMH decline rate to fertility and menopause.” Diese Aussage relativiert AMH nicht als Biomarker – sie relativiert seine prognostische Überinterpretation. Dieses Statement kann ich nur unterschreiben.

Ihr

Michael Ludwig