Wenn in der Laienpresse gerade von „Gehirnveränderungen durch die Menopause“ die Rede ist, dann wird häufig eine konkrete Publikation als wissenschaftliche Grundlage genutzt: die große UK-Biobank-Auswertung. (Katharina Zuhlsdorff et al. Emotional and cognitive effects of menopause and hormone replacement therapy. Psychological Medicine. 2026; 56: e24, 1-11. DOI: 10.1017/S0033291725102845)

Auf den ersten Blick wirkt die Publikation beeindruckend – und in Teilen ist es das auch: sehr große Fallzahl, mehrere Dimensionen (Stimmung, Schlaf, Kognition, strukturelles MRT) und statistisch sauber abgearbeitete Gruppenvergleiche. Auf den zweiten Blick zeigt sich aber auch das typische Dilemma solcher Datensätze: extrem viel Power, viele signifikante p-Werte, und gleichzeitig bleiben die eigentlichen klinischen Schlussfolgerungen zwangsläufig vorsichtig, weil die Daten querschnittlich und in wichtigen Punkten grob sind.

Das Studiendesign ist im Kern eine querschnittliche Gegenüberstellung von drei Gruppen: prämenopausale Frauen, postmenopausale Frauen ohne Hormontherapie und postmenopausale Frauen mit Hormontherapie. Insgesamt umfasst die Analyse 124.780 Frauen mit einem mittleren Alter von 53,70 ± 8,05 Jahren. Und genau hier beginnt die wichtigste Vorinformation für jede Interpretation: Die Gruppen unterscheiden sich massiv im Alter. Prämenopausal heißt hier im Mittel 45,88 ± 3,76 Jahre, postmenopausal ohne HRT 58,22 ± 5,46 Jahre und postmenopausal mit HRT 60,41 ± 5,55 Jahre. Auch andere Basisvariablen liegen nicht gleich: der BMI ist in der postmenopausalen No-HRT-Gruppe am höchsten und in der HRT-Gruppe niedriger, Bildungs- und Einkommensmarker unterscheiden sich ebenfalls deutlich. Das ist nicht „ein bisschen“ Confounding – das ist strukturell. Die Autor:innen adressieren das mit Adjustierung (Alter, BMI, Bildung, Einkommen usw.), aber Adjustierung ersetzt keine Längsschnittstudie.

Gemessen wurden mehrere Outcome-Schichten. Für die psychische Gesundheit nutzt die Arbeitsgruppe einerseits recht grobe Lebenszeit-Indikatoren („jemals wegen anxiety/nerves/depression beim GP“ bzw. „jemals beim Psychiatrist“) und ICD-10-Diagnosen, andererseits Symptomskalen (u. a. GAD-7; außerdem eine modifizierte PHQ-4-Annäherung). Schlaf wird über Schlafdauer (Stunden/24 h, inklusive Mittagsschlaf o.ä.), Insomnie-Angaben und „tiredness“ erfasst. Kognitiv werden kurze UK-Biobank-Tests ausgewertet (namentlich: Reaction time als Maß der Verarbeitungsgeschwindigkeit, wie schnell reagiert eine Testperson auf einen Reiz? Prospective memory, quasi ein typisches „Memory“ Spiel, bei dem zwei gleiche Bilder als gleich erkannt werden müssen, je weniger Fehler, desto besser. Digit span: als Arbeitsgedächtnis-/Aufmerksamkeitsmaß, eine Reihenfolge von Zahlen muss wiederholt werden, die Zahlenfolge wird von Mal zu Mal länger, in dieser Studie maximal 12).

Die Gruppenmittelwerte wurden aufgrund der unterschiedlichen Charakteristika der 3 Kohorten modellbasiert adjustiert (estimated marginal means; emmeans) mit multiplen und einer sogenannten Tukey-Korrektur. Das ist methodisch korrekt und wichtig, um überhaupt Vergleiche zu ermöglichen.

In den Ergebnissen sind Schlaf und psychische Symptome die klarere Geschichte als die Kognition. Bei „GP gesehen wegen anxiety/nerves/depression“ und „Psychiatrist gesehen“ unterscheiden sich die Gruppen hochsignifikant, und das Muster ist konsistent: postmenopausal häufiger als prämenopausal – und die HRT-Gruppe liegt nicht selten am ungünstigsten. Ähnlich bei den Symptomskalen: mehr Angst-/Depressionssymptome und mehr Schlafprobleme postmenopausal, in Teilen ausgeprägter in der HRT-Gruppe. Das klingt auf den ersten Blick wie ein „HRT-Problem“, ist aber in dieser Studie vor allem ein Paradebeispiel für Indikations-/Selektionsbias: Frauen, die HRT erhalten, sind typischerweise diejenigen mit höherer Symptomlast und höherem Behandlungsdruck. Die Autor:innen zeigen genau dafür eine stützende Zusatzanalyse: Frauen, die später HRT starteten, hatten bereits vor Start ungünstigere psychische Marker. Das entlastet HRT als kausale Erklärung eher, ohne sie aber endgültig zu „rehabilitieren“ – es passt aber gut zu anderen klinischen Studien.

Die kognitiven Ergebnisse sind dagegen deutlich weniger dramatisch, als viele Überschriften in der Laienpresse suggerieren. Für Reaction time gibt es Gruppenunterschiede, aber die Effektstärke ist sehr klein; für Prospective memory und Digit span werden nach Korrektur keine robusten post-hoc-Unterschiede in den drei Gruppen (prämenopausel bzw. postmenopausal ohne und mit Hormontherapie) ausgewiesen. Das ist wichtig, weil genau hier die Laienpresse gern „Menopause macht das Gedächtnis kaputt“ erzählt. Diese Studie liefert dafür keine starke Stütze. Wenn überhaupt, dann zeigt sie: In diesen Kurztests ist der Unterschied klein, und Schlaf/Stimmung scheinen in der Symptomwelt der Übergangsphase die größere Rolle zu spielen als harte kognitive Einbrüche.

Der Teil, der die Schlagzeilen besonders antreibt, ist das strukturelle MRT. Hierzu wurde eine Subgruppe untersucht: 10.873 Frauen mit MRT-Daten (mittleres Alter 63,53 ± 7,22), aufgeteilt in 762 prämenopausal, 7.583 postmenopausal ohne HRT und 2.528 postmenopausal mit HRT. Analysiert werden Volumina in Regionen, die man aus neurodegenerativen Kontexten kennt: Hippocampus (zentral für episodisches Gedächtnis, Erlebnisse/„Kontext“, und Lernen, zudem stress-/ kortisol-sensitiv), entorhinaler Cortex (so etwas wie „Eingangstor“ zum Hippocampus, wichtig für Gedächtnisorganisation und räumlich-zeitliche Navigation) und anteriorer cingulärer Cortex (ACC, Schnittstelle zwischen Emotion und Kognition, beteiligt an Aufmerksamkeits-/Konfliktmonitoring und „kognitiver Kontrolle“).

Die Befunde sind konsistent: postmenopausal niedrigere Volumina als prämenopausal; in einzelnen Regionen liegt die HRT-Gruppe zusätzlich unter der postmenopausalen No-HRT-Gruppe. Statistisch ist das robust (z. B. Hippocampus und ACC mit klaren Gruppenunterschieden), die Effektstärken sind jedoch nicht groß – und wieder gilt: Querschnitt und Selektion lassen offen, ob hier „Menopause wirkt direkt aufs Gehirn“, oder ob ein Bündel aus Alter, vaskulären Faktoren, Schlaf, Depression/Angst und sozioökonomischen Prädiktoren die beobachteten Unterschiede (zumindest teilweise) erklärt. Gerade weil die MRT-Gruppe im Mittel über 60 ist und die prämenopausale Vergleichsgruppe im MRT-Arm klein, ist jeder Satz über „Menopause verursacht Volumenverlust“ methodisch zu stark.

Zudem  – das zeigen andere Publikationen – verändern sich diese Regionen im männlichen Gehirn zwischen 40 und 60 Jahren quasi in identischer Weise.

Positiv hervorzuheben ist, dass die Autor:innen diese Grenzen nicht verschleiern. Sie benennen zentrale Limitationen explizit: UK-Biobank-Selektionsbias (gesünder, weniger divers als Allgemeinbevölkerung), Menopausen-/HRT-Informationen ohne detaillierte Stadienklassifikation und ohne saubere Therapie-Typisierung (Formulierung, Applikationsweg, Dosis, Timing), zeitliche Unschärfe bei psychischen Lebenszeit-Indikatoren und insgesamt die Unfähigkeit des Designs, Kausalität zu klären. Der Text versucht nicht, aus statistischer Signifikanz klinische Gewissheiten zu machen – und das ist, bei einem Thema mit hoher medialer Präsenz, schon eine Stärke.

Was bleibt als Schlussfolgerung? Diese Studie stützt die Aussage, dass der menopausale Status in einer sehr großen Kohorte mit messbaren Unterschieden in Schlaf, psychischen Symptomen und ausgewählten Hirnstrukturmaßen assoziiert (!) ist. Es stützt deutlich weniger die These eines klinisch relevanten, eindeutigen kognitiven „Abfalls“ – und es stützt nicht die Behauptung, dass HRT per se „dem Gehirn schadet“. Im Gegenteil: Der auffällige Befund „HRT-Gruppe teils schlechter“ ist in solchen Datensätzen eher ein Warnsignal für Indikationsbias als ein Beweis der Schädlichkeit. Wer aus dieser Arbeit eine Alzheimer-Storyline macht, verlässt die Datenbasis: Es werden keine Alzheimer-Biomarker gemessen, keine Demenz-Endpunkte berichtet und keine Konversionen analysiert. Das Manuskript liefert Hypothesen und Assoziationsmuster – und genau so sollte man es auch kommunizieren.

Ihr

Michael Ludwig