Es gibt kaum ein anderes Thema in der Stoffwechselmedizin, das derzeit so gefeiert wird wie die GLP‑1-Rezeptoragonisten (Semaglutid, Tirzepatid u. a.). Nie zuvor schienen Medikamente derart wirksam: Gewichtsverluste im zweistelligen Kilobereich, deutliche Senkung von Blutzuckerwerten und sogar nachgewiesene Reduktion kardiovaskulärer Ereignisse. Die Euphorie ist groß – und zweifellos haben diese Substanzen die Therapie von Adipositas und Typ‑2‑Diabetes revolutioniert.
Ein genauer Blick auf die Daten in einem Übersichtsartikel zeigt, dass der Erfolg nicht ohne Preis bleibt. (Zhenqi Liu et al. Incretin Receptor Agonism, Fat-free Mass, and Cardiorespiratory Fitness: A Narrative Review. Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism 2025;110:2709–2717. doi:10.1210/clinem/dgaf335)
Aktuelle Studien belegen, dass 25–40 % des Gewichtsverlusts unter GLP‑1-Agonisten und Kombinationspräparaten wie Tirzepatid auf Kosten der fettfreien Masse gehen – also genau jener Muskel- und Gewebesubstanz, die für Kraft, Mobilität und langfristige metabolische Gesundheit entscheidend ist. In den großen Zulassungsstudien entsprach das 2 bis 6 kg Muskelverlust – weit mehr als die normale altersbedingte Abnahme von etwa 0,8 % pro Jahr im mittleren Erwachsenenalter.
Damit droht eine paradoxe Situation: Menschen reduzieren ihr Körpergewicht und metabolisieren kurzfristig günstiger, aber sie verlieren jene Substanz, die sie vor Stürzen und Funktionsverlust schützt. Besonders ältere Patientinnen und Patienten laufen Gefahr, schneller eine Sarkopenie zu entwickeln.
Ein zweiter blinder Fleck ist die kardiorespiratorische Fitness. Sie gilt als einer der stärksten Prädiktoren für kardiovaskuläre Mortalität – stärker als Cholesterin oder Blutdruck. Doch bislang konnte in klinischen Studien keine konsistente Verbesserung gezeigt werden.
Ja, GLP‑1-Agonisten senken das Gewicht und verbessern Blutdruck, Herzstruktur und sogar linksventrikuläre Masse. Aber in der Summe übersetzt sich das bislang nicht in eine gesteigerte körperliche Leistungsfähigkeit.
Die Zukunft könnte in Kombinationstherapien liegen. Dazu diskutieren die Autoren vor allem zwei Ansätze. Erste kleine Studien zeigen, dass begleitendes Ausdauer‑ und Krafttraining den Verlust an fettfreier Masse mindern kann. In Kombination mit ausreichender Proteinzufuhr könnte so Muskelabbau gebremst und die kardiorespiratorische Fitness stabilisiert werden.
Experimentell wäre eine Substanz wie Bimagrumab, ein Antikörper, der den Muskelabbau blockieren soll.
GLP‑1-Agonisten sind in meinen Augen ein medizinischer Meilenstein. Aber sie sind nicht die Abkürzung zu Gesundheit. Wer Gewicht verliert, verliert mit diesen Substanzen auch Muskelmasse. Wer auf mehr Leistungsfähigkeit hofft, wird enttäuscht. Zudem ein weiterer Punkt, den man stets vor Augen haben muss: Wenn man während der Therapie mit den Inkretin-Agonisten nichts an seiner körperlichen Aktivität und Ernährung ändert, wird das Gewicht mit dem Absetzen dieser Therapie wieder rasant auf den Ausgangswert steigen.
Ihr
Michael Ludwig
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