Ein weiteres Gestagen ist in den Fokus zum Meningeomrisiko gerutscht: Desogestrel. Eine Publikation im British Medical Journal hat 8.391 Fälle mit operierten Meningeomen zwischen 2020 und 2023 untersucht und dies in einer Fall-Kontroll-Studie mit 83.910 gematchten Kontrollen ausgewertet. (Noémie Roland et al. Oral contraceptives with progestogens desogestrel or levonorgestrel and risk of intracranial meningioma: national case-control study. BMJ 2025; 389: e083981. DOI: 10.1136/bmj-2024‑083981) Das mittlere Alter lag bei 59,7 ± 12,8 Jahre.
Das Gesamtrisiko, an einem Meningeom operiert zu werden, betrug OR 1,25 (95 % KI 1,00 – 1,42). Die number needed to harm, also die Zahl derjenigen, die Desogstrel einnehmen müssen, damit 1 Person mehr an einem Meningeom operiert wird, beträgt 67.287. Wurde die Dauer der Anwendung betrachtet, lag das Risiko bei Anwendung ≥ 5 Jahre, 5-7 Jahre und ≥ 7 Jahre bei OR 1,70 (95 % KI 1,39 – 2,08), OR 1,51 (95 % KI 1,17 – 1,94) bzw. OR 2,09 (95 % KI 1,51 – 2,90). Die number needed to harm wird bei Anwendung über mehr als 5 Jahre mit 17.331 berechnet.
In Absolutzahlen kann man bei einem Grundrisiko von 15 Meningeomen bei 100.000 Frauen pro Jahr also von zusätzlichen 4 Fällen unter jeder Desogestrelanwendung und zusätzlichen 16 Fällen bei Anwendung über mehr als 5 Jahre ausgehen.
Interessanterweise war bereits 1 Jahr nach Absetzen des Desogestrels das Risiko nicht mehr nachweisbar. Die Autor:innen deuten dies als biologisch plausibel: Progesteronrezeptoren können das Wachstum von Meningeomen stimulieren. Wird der hormonelle Stimulus entzogen, stoppt das Tumorwachstum, und in einzelnen Fallberichten wurde sogar eine Regression beschrieben. In diesem Sinne wirkt die Hormonexposition eher als „Wachstumsbeschleuniger“ bereits vorhandener Läsionen – und nicht als Auslöser im engeren Sinn.
Gleichzeitig weisen die Autor:innen auf eine mögliche methodische Verzerrung hin: Erfasst wurden ausschließlich operierte Meningeome. Nach Absetzen könnten Tumoren zwar fortbestehen, aber langsamer wachsen und damit nicht mehr operationspflichtig werden. In diesem Fall würde das „Verschwinden“ des Risikos statistisch erscheinen, ohne dass die Tumoren biologisch tatsächlich verschwunden sind.
Auch Desogestrel also ist assoziiert mit einem erhöhten Risiko für Meningeome. Das Risiko ist ein Mehrfaches geringer als das für die anderen Gestagene, die bereits Gegenstand von Rote-Hand-Briefe waren. Inwieweit es auch einen solchen für Desogestrel geben wird, bleibt abzuwarten. Bei dem enormen Benefit, den eine Kontrazeption mit Desogestrel hat – sichere Kontrazeption, Ovulationshemmung, Dämpfung der ovariellen Aktivität, kein Thromboserisiko – steht das Meningeomrisiko zahlenmäßig in keinem relevanten Verhältnis.
Kein Risiko übrigens fanden die Autor:innen für Levonorgestrel, Etonogestrel, Drospirenon, Dienogest und Gestoden. Da Etonogestrel die Wirksubstanz von Desogestrel ist, Desogestrel also ist ein Prodrug, handelt es sich – vermute ich – um einen Dosiseffekt: Unter 75 µg Desogestrel liegen die Serumspiegel von Etonogestrel bei etwa 0,6 ng/ml, beim Implantat bei etwa 0,2 ng/ml. Die Autor:innen diskutieren dies auch als Möglichkeit, ebenso spekulieren sie über die unterschiedliche Freisetzung als Depot (Implantat) und oral täglicher Applikation.
Ihr
Michael Ludwig
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