Das sogenannte „Estrobolom“ gehört derzeit zu den großen Trendthemen der Menopausemedizin. Gemeint ist damit der Teil des Darmmikrobioms, der am Östrogenstoffwechsel beteiligt ist – also Darmbakterien und bakterielle Enzyme wie β-Glucuronidasen oder Sulfatasen, die konjugierte Östrogene im Darm wieder dekonjugieren und damit ihre Rückresorption beeinflussen können. Vereinfacht gesagt: Das Darmmikrobiom könnte mitentscheiden, wie viel Östrogen dem Körper tatsächlich zur Verfügung steht. (Santiago Palacios et al. Estradiol loss, the “estrobolome,” and midlife symptoms: what the gut microbiome adds to menopause care. Menopause 2027;34. DOI: 10.1097/GME.0000000000002814)

Die Autor:innen beschreiben ein biologisch durchaus plausibles Modell: Mit sinkendem Estradiol verändern sich Darmbarriere, bakterielle Diversität, Gallensäuren, Immunfunktion und die Produktion kurzkettiger Fettsäuren („short-chain fatty acids“, SCFAs). Gleichzeitig könnten Veränderungen des Mikrobioms wiederum den enterohepatischen Östrogenstoffwechsel beeinflussen und so eine Art Rückkopplungsschleife erzeugen. Diskutiert werden Zusammenhänge mit Hitzewallungen, metabolischem Syndrom, Schlaf, Stimmung und Knochenstoffwechsel.

Das Problem: Die Evidenz bleibt bislang überwiegend assoziativ. Und genau das betonen die Autor:innen erfreulich klar selbst mehrfach. Die meisten Humanstudien sind klein, querschnittlich und methodisch heterogen. Ernährung, BMI, Medikamente, Antibiotika oder ethnische Unterschiede wirken massiv als Confounder. Ob mikrobielle Veränderungen tatsächlich Symptome verursachen oder lediglich Begleiterscheinungen hormoneller Alterungsprozesse darstellen, bleibt offen.

Interessant ist in diesem Zusammenhang auch die Frage der Hormontherapie. Die Autor:innen diskutieren, dass eine menopausale Hormontherapie möglicherweise Elemente eines „prämenopausalen“ Mikrobioms wiederherstellen könnte. Frauen unter Hormontherapie zeigten in einzelnen Studien eine höhere mikrobielle Diversität und Veränderungen mikrobieller Stoffwechselwege.   Spannend ist dabei die theoretische Überlegung, ob orale Östrogene – aufgrund des enterohepatischen Kreislaufs – stärkere Effekte auf das Mikrobiom entfalten könnten als transdermale Präparate. Genau hier bleiben die Autor:innen aber bemerkenswert vorsichtig: Sie betonen ausdrücklich, dass direkte Vergleichsstudien zwischen unterschiedlichen Applikationswegen fehlen und fordern entsprechende „head-to-head trials“.

Gerade das macht den Artikel aus meiner Sicht interessant. Biologisch klingt vieles ausgesprochen plausibel: reduzierte Lactobacillus- und Bifidobacterium-Spezies, mehr proinflammatorische Keime, erhöhte Darmpermeabilität („leaky gut“), veränderte SCFA-Produktion und inflammatorische Signalwege. Das Problem ist nur: Aus biologischer Plausibilität entsteht noch keine klinische Evidenz.

Für die Praxis würde ich deshalb vor allem eines mitnehmen: Das Mikrobiom ist wahrscheinlich relevant – aber wir sind noch weit entfernt von belastbarer klinischer Translation. Derzeit entsteht manchmal der Eindruck, als ließen sich Hitzewallungen, Gewichtszunahme, Schlafprobleme oder Stimmungsschwankungen primär über das Mikrobiom erklären oder gar gezielt „darmtherapeutisch“ behandeln. Dafür gibt die aktuelle Evidenz aus meiner Sicht bislang zu wenig her.

Was hingegen plausibel und relativ unstrittig erscheint: Ernährung, Bewegung, Schlaf, Stressreduktion und ballaststoffreiche Kost beeinflussen das Mikrobiom günstig – und verbessern gleichzeitig viele menopausale Beschwerden unabhängig davon. Vielleicht liegt genau darin derzeit die eigentliche klinische Relevanz des Themas.

Ihr

Michael Ludwig