Das Thema „Schlafstörungen in der Perimenopause“ hatte ich schon häufig wegen aktueller Publikationen adressiert und hervorgehoben, dass es für den „Kurzschluss Östradiolmangel macht Schlafstörungen“ keine Evidenz gibt und die Ursachen eher sehr vielfältig sind. Eine aktuelle Übersichtsarbeit zeigt sehr schön, warum diese Sichtweise sehr viel besser passt als die Vorstellung, dass Östrogenmangel und überhaupt hormonelle Veränderungen dafür kausal verantwortlich sind. (Karen Jakubowski. Sleep disturbances in midlife women: prevalence, correlates, and treatments. Menopause 2026;33. DOI: 10.1097/GME.0000000000002776)
Etwa 40–69% der Frauen berichten während des menopausalen Übergangs über Schlafstörungen, wobei das Spektrum von fragmentiertem Schlaf bis zur klinisch relevanten Insomnie reicht. Besonders interessant ist dabei eine Beobachtung aus der schon diskutierten SWAN-Kohorte: Objektiv gemessene Schlafparameter verbesserten sich bei vielen Frauen im Verlauf und sind nicht assoziiert mit dem Zeitpunkt der Menopause.
Natürlich spielen vasomotorische Symptome eine Rolle. Hitzewallungen und nächtliches Schwitzen können Schlafunterbrechungen triggern. Die Autorin beschreibt aber überzeugend, dass die eigentliche Chronifizierung häufig über psychophysiologische Mechanismen erfolgt: Angst vor schlechtem Schlaf, längeres Liegenbleiben, veränderte Schlafgewohnheiten oder Grübeln über die Folgen des Schlafmangels können eine Insomnie aufrechterhalten – selbst dann, wenn vasomotorische Symptome gar nicht mehr im Vordergrund stehen.
Hinzu kommen psychosoziale Faktoren. Schlafstörungen stehen in enger Wechselwirkung mit Depressionen, Angststörungen, Traumata, Partnerschaftsproblemen oder beruflichen Belastungen. Die Autorin erinnert daran, dass mehr als drei Viertel der Frauen in der Nurses’ Health Study II mindestens ein traumatisches Erlebnis im Leben berichteten.
Auch ein Abschnitt zu Alkohol und Cannabis ist interessant. Schlafstörungen sind nicht nur Folge, sondern auch Treiber problematischen Substanzgebrauchs. In einer kanadischen Umfrage berichteten mehr als 73% der Frauen mit Cannabiskonsum, diesen gezielt wegen menopausaler Schlafprobleme einzusetzen. Gleichzeitig weist die Autorin darauf hin, dass chronischer Alkohol- und Cannabiskonsum langfristig wiederum Schlaf, psychische Gesundheit und kardiovaskuläre Risiken verschlechtern kann.
Therapeutisch bleibt der Artikel angenehm nüchtern. Ja, eine Hormontherapie kann Schlaf verbessern – vor allem über die Reduktion vasomotorischer Symptome. Gleichzeitig wird aber die Evidenz für kognitive Verhaltenstherapie bei Insomnie (CBT-I) hervorgehoben, die mittlerweile als First-line-Therapie der chronischen Insomnie gilt und auch bei menopausalen Schlafstörungen wirksam sein kann.
Die wichtigste Botschaft der Arbeit ist für mich: Schlafstörungen in den Wechseljahren sollten weder bagatellisiert noch vorschnell monokausal erklärt werden. Die Menopause beeinflusst Schlaf über Hitzewallungen biologisch durchaus relevant – aber sie trifft gleichzeitig auf psychosoziale Belastungen, psychische Faktoren und individuelle Schlafmuster. Genau deshalb ist nicht-erholsamer Schlaf in der Lebensmitte oft deutlich komplexer als ein reiner Östradiolmangel.
Ihr
Michael Ludwig
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