Die Vorstellung, dass Libido in der Menopause einfach „verschwindet“, greift zu kurz. Eine aktuelle Querschnittsstudie mit 459 postmenopausalen Frauen (52,0 ± 4,5 Jahre) zeigt erneut: Entscheidend sind weniger hormonelle Einzelparameter als vielmehr psychologische Vermittlungsgrößen – insbesondere Körperbild und sexuelle Selbstwirksamkeit. (Leila AliAghdami et al. Body image concerns and their association with sexual self-efficacy and function in postmenopausal women: a cross-sectional study. Menopause 2026;33. DOI: 10.1097/GME.0000000000002753)
Vorab zum Verständnis jeweils ein paar Worte zu den verwendeten Skalen:
BICI (Body Image Concern Inventory): erfasst Sorgen/Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper (höher = mehr negative Selbstwahrnehmung)
FSFI (Female Sexual Function Index): misst sexuelle Funktion (Cut-off ≤ 26,55 → sexuelle Dysfunktion)
SSE (Sexual Self-Efficacy): beschreibt die subjektive Überzeugung, sexuelle Situationen bewältigen und befriedigend gestalten zu können – also eine Art „sexuelles Kompetenzgefühl“
Die Ergebnisse zeigen eine signifikante Korrelation von Körperbild und sexueller Selbstwirksamkeit (r = −0,876, p < 0,001), Körperbild und sexueller Funktion (r = −0,707, p < 0,001) sowie sexueller Selbstwirksamkeit und sexueller Funktion (r = 0,635, p < 0,001). Auch in multivariablen Modellen (adjustiert u. a. für BMI, Alter, Bildung) bleiben diese Zusammenhänge stabil.
Die Daten fügen sich nahtlos in das Bild, das wir aus anderen Arbeiten kennen: Sexualität in der Postmenopause ist weniger ein „hormonelles Defizitmodell“ als ein biopsychosoziales Konstrukt.
Der stärkste Zusammenhang besteht nicht zwischen biologischen Parametern und Sexualität, sondern zwischen Selbstwahrnehmung & Selbstzweifel & Verhalten.
Anders formuliert: Nicht die Libido verschwindet, sondern die Zugänglichkeit zu ihr verändert sich.
Negative Körperwahrnehmung führt zu geringerer sexueller Selbstwirksamkeit dies zu weniger Initiative, mehr Unsicherheit und dies wiederum resultiert in schlechterer sexueller Funktion.
Ein kognitiv-emotionaler Verstärkungskreislauf.
Einschränkend muss man festhalten, dass es sich um eine Querschnittstudie handelt, insofern Assoziation und keine Kausalitäten berichtet werden. Zudem ist es eine besondere Studienkohorte aus dem Iran, die nicht direkt vergleichbar ist mit westeuropäischen oder US-amerikanischen Frauen. Möglicherweise aber werden gerade in einer solchen Kohorte durch den speziellen Hintergrund diese Assoziationen besonders deutlich.
Ihr
Michael Ludwig
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