Glucagon-like-Peptide-1-Rezeptoragonisten (GLP-1-RA) gehören heute zu den wichtigsten Medikamenten zur Behandlung des Typ-2-Diabetes und der Adipositas. Neben ihren günstigen Effekten auf Körpergewicht und kardiovaskuläre Endpunkte wird zunehmend diskutiert, ob sie auch den Verlauf von Krebserkrankungen beeinflussen könnten. Eine veröffentlichte Beobachtungsstudie liefert hierzu interessante, aber keineswegs endgültige Daten. (Aditya Mahadevan et al. GLP-1 receptor agonists in patients with cancer are associated with reduced all-cause mortality and hospitalization. Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism. 2026;111:1604–1612. DOI: 10.1210/clinem/dgaf703)
Die Autor:innen analysierten Daten der internationalen TriNetX-Datenbank mit mehr als 120 Millionen Patientinnen und Patienten. Eingeschlossen wurden 3.747 Patient:innen mit Typ-2-Diabetes und einer aktiven soliden oder hämatologischen Tumorerkrankung, die im zeitlichen Zusammenhang mit Beginn einer systemischen Krebstherapie einen GLP-1-Rezeptoragonisten erhielten. Als Vergleich dienten 52.061 Patient:innen, die Metformin einnahmen. Nach Propensity-Score-Matching wurden jeweils 3.551 Patient:innen miteinander verglichen. Primärer Endpunkt war die Gesamtmortalität, sekundäre Endpunkte waren unter anderem Krankenhausaufnahmen, Sepsis, Pneumonie, thromboembolische Ereignisse und schwere kardiovaskuläre Komplikationen.
Die Ergebnisse fielen auf den ersten Blick beeindruckend aus. Die Behandlung mit einem GLP-1-Rezeptoragonisten war mit einer 12,5 % niedrigeren Gesamtsterblichkeit assoziiert (HR 0,875; 95 % KI 0,778–0,985; p = 0,0268). Gleichzeitig war das Risiko einer Krankenhauseinweisung um etwa 20 % reduziert (RR 0,796; 95 % KI 0,741–0,855). Auch mehrere klinisch relevante Komplikationen traten seltener auf: schwere kardiovaskuläre Ereignisse (RR 0,722), Lungenembolien (RR 0,608), Pneumonien (RR 0,586) und Sepsis (RR 0,735) waren jeweils signifikant seltener als unter einer Metformin-Monotherapie. In einer zweiten Analyse hatten Patient:innen, die zusätzlich zu Metformin neu auf einen GLP-1-Rezeptoragonisten eingestellt wurden, gegenüber Patient:innen mit Neueinstellung auf Insulin ebenfalls eine niedrigere Sterblichkeit (HR 0,786; 95 % KI 0,662–0,934).
Sollte man daraus nun schließen, dass GLP-1-Rezeptoragonisten den Verlauf einer Krebserkrankung günstig beeinflussen? Wahrscheinlich nicht. Die Studie ist retrospektiv und trotz sorgfältigen Propensity-Score-Matchings bleiben zahlreiche potenzielle Störfaktoren bestehen. Besonders wichtig erscheint der sogenannte Confounding-by-indication-Effekt: Ein GLP-1-Rezeptoragonist wird in der klinischen Praxis eher Patient:innen verordnet, die insgesamt in einem besseren Allgemeinzustand sind, ausreichend essen können, keine ausgeprägte Tumorkachexie aufweisen und bei denen Ärztinnen und Ärzte überhaupt eine längerfristige antidiabetische Therapie für sinnvoll halten. Schwer kranke oder terminale Patient:innen erhalten dagegen häufig Insulin oder eine vereinfachte Stoffwechseltherapie. Solche Unterschiede lassen sich auch durch statistische Verfahren nur unvollständig ausgleichen.
Hinzu kommt, dass die Autoren keine Informationen zum Tumorstadium im Detail, zum Performance-Status, zur Therapieadhärenz oder zur tumorspezifischen Mortalität hatten. Auffällig ist zudem, dass die in Subgruppen untersuchten Effekte nach HbA1c und Adipositas zwar in dieselbe Richtung wiesen, aber keine statistische Signifikanz mehr erreichten – vermutlich auch aufgrund geringerer Fallzahlen.
Die Arbeit liefert somit einen interessanten Hinweis darauf, dass Krebspatient:innen mit Typ-2-Diabetes unter GLP-1-Rezeptoragonisten günstigere Verläufe haben könnten. Ob dies auf direkte antitumorale Wirkungen, bessere Stoffwechselkontrolle, kardiovaskuläre Effekte oder schlicht auf Unterschiede der behandelten Patientengruppen zurückzuführen ist, bleibt offen. Für therapeutische Empfehlungen reicht diese Evidenz daher nicht aus. Die Studie liefert vielmehr eine gute Begründung dafür, diese Fragestellung nun in prospektiven randomisierten Studien zu untersuchen.
Ihr
Michael Ludwig
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