Ist Angst ein typisches Symptom der Perimenopause? Eine neue qualitative Studie liefert hierzu eine differenzierte Antwort. (Kayla M. McElhany et al. Anxiety during perimenopause: a qualitative study of lived experiences. Menopause 2026; im Druck: 10.1097/GME.0000000000002744)
Die Studie untersucht nicht, wie häufig Angst in dieser Lebensphase ist, sondern wie Frauen mit neu aufgetretener oder verschlechterter Angstsymptomatik die Perimenopause erleben.
In die Studie wurden 20 Frauen im Alter von 43 bis 53 Jahren eingeschlossen, das Durchschnittsalter lag bei 48,15 ± 2,45 Jahren. Der Perimenopausestatus wurde nach STRAW-Kriterien definiert, also anhand neu aufgetretener Zyklusunregelmäßigkeiten und mindestens eines ausgelassenen Zyklus im letzten Jahr. Voraussetzung für die Teilnahme war eine relevante Angstsymptomatik, gemessen mit dem GAD-7, einem validierten 7-Item-Fragebogen zur Erfassung generalisierter Angststörung. Der Score reicht von 0 bis 21 Punkten; Werte ab 5 gelten als mindestens milde Angst, ab 10 als moderat, ab 15 als schwer. In dieser Stichprobe hatten 30 % milde, 30 % moderate und 40 % schwere Angstsymptomatik. Wir sprechen hier also nicht über diffuse Unruhe, sondern über klinisch relevante Beschwerden. Entscheidend ist jedoch: Es handelt sich um eine selektierte Gruppe von Frauen mit Angstsymptomen – nicht um eine bevölkerungsrepräsentative Kohorte.
Die Interviews zeigen ein konsistentes Bild. Nahezu alle Frauen berichteten über ausgeprägte Schlafstörungen (19 von 20), viele über Zyklusveränderungen (17 von 20) und vasomotorische Symptome (15 von 20). Zwölf Teilnehmerinnen beschrieben eine deutliche zyklische Verstärkung der Angst, insbesondere in der Lutealphase. Dreizehn Frauen schilderten eine erhebliche Unsicherheit darüber, was mit ihnen geschieht, und fast alle empfanden eine deutliche Informationslücke bezüglich der Perimenopause. Diese Ungewissheit verstärkte das Gefühl des Kontrollverlustes. Auffällig ist zudem die hohe psychische Vorbelastung: 65 % berichteten über eine PMS- oder PMDD-Anamnese, 35 % über frühere depressive Episoden, 30 % über frühere Angstsymptome.
Was zeigt diese Studie? Sie zeigt, dass die Perimenopause bei vulnerablen Frauen als Destabilisator wirken kann. Hormonelle Fluktuationen, Schlafstörungen und psychosoziale Belastungen greifen ineinander und können eine bestehende Angstdynamik verstärken. Was sie nicht zeigt: dass Angst in der Allgemeinbevölkerung mit dem Übergang in die Menopause zunimmt oder ein universelles Kernsymptom dieser Lebensphase wäre.
Damit steht diese Publikation keineswegs im Widerspruch zu den longitudinalen Daten, etwa aus der SWAN-Kohorte, die ich in einem anderen Blogbeitrag besprochen habe. Dort zeigte sich vielmehr, dass Angstscores mit zunehmendem Alter tendenziell leicht abnehmen und dass Angst kein transitionsspezifischer Peak ist. Allerdings korreliert höhere Angst konsistent mit stärker wahrgenommenen vasomotorischen Symptomen und schlechterem Schlaf. Auch die kürzlich diskutierte türkische Querschnittsstudie fand eine starke Korrelation zwischen Angstscores und der subjektiven Schwere menopausaler Beschwerden, wobei Angst rund die Hälfte der Varianz der Beschwerdelast erklärte. Das bedeutet nicht, dass Menopause Angst erzeugt, sondern dass Angst die Wahrnehmung körperlicher Symptome verstärken kann.
Diese Publikation von McElhany et al. liefert keine neuen epidemiologischen Risikozahlen, sondern beschreibt die erlebte Innenperspektive einer vulnerablen Subgruppe. Betrachtet man alle bisherigen Arbeiten zusammen, ergibt sich ein konsistentes Modell: Angst ist kein typisches Menopausensymptom. Sie ist ein Modulator. Bei Frauen mit entsprechender Vulnerabilität – etwa mit PMS/PMDD, depressiver Vorgeschichte oder ausgeprägten Schlafstörungen – kann die hormonelle und psychosoziale Dynamik der Perimenopause bestehende Angst verstärken. In der Gesamtbevölkerung jedoch steigt Angst nicht per se mit dem Menopausenübergang an.
Ihr
Michael Ludwig
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