Eine Übersichtsarbeit beschäftigt sich mit dem Thema Muskel- und Gelenkschmerzen im perimenopausalen Übergang und in der Postmenopause. Dazu diskutieren die Autor:innen Überlegungen zur Pathophysiologie sowie die Datenlage zur therapeutischen Intervention. (Natalie H. Strand et al. Pain during menopause. Maturitas 2025; 191: 108135)

Die Datenlage spricht dafür, dass die Menopause eine Phase erhöhter Schmerzsensitivität darstellt. In einer zitierten Beobachtung gaben 47 % der Frauen „Knochen- oder Gelenkschmerzen“ an – nahezu gleich häufig wie Hitzewallungen (53 %). Solche Beschwerden treten bevorzugt im menopausalen Übergang auf und verdoppeln sich im Vergleich zur prämenopausalen Phase.

Mechanistisch erklärt der Review dies über die direkten Wirkungen von Östradiol im zentralen Nervensystem, u. a. über µ-opioide Signalwege, GABA-Modulation und Effekte auf schmerzhemmende Netzwerke. Interessant ist die Darstellung differenzierter Östrogenrezeptor-Effekte: ER-α vermittelt eher antinozizeptive Wirkungen, ER-β eher pro-nozizeptive.

Diese biologische Zweigleisigkeit kann klinisch eine Rolle spielen. Die Daten hierzu sind überschaubar und keineswegs so robust wie zu vasomotorischen Beschwerden oder zur genito-urinären Atrophie.

Am belastbarsten ist die WHI-Analyse von 10.739 hysterektomierten Frauen, die 0,625 mg konjugiertes Östrogen täglich erhielten. Nach 12 Monaten zeigte sich ein statistisch signifikanter, aber klinisch sehr kleiner Unterschied: 76,3 % vs. 79,2 % mit Gelenkschmerzen (p = 0,001) zugunsten der Therapiegruppe. Dieser Effekt blieb im Kern bis Jahr 3 bestehen – allerdings bei gleichzeitig mehr Gelenkschwellungen im Interventionsarm.

Für transdermale Präparate, bioidentische Kombinationstherapien, liegen dagegen keine hochwertigen Wirksamkeitsdaten spezifisch auf muskuloskelettale Schmerzen vor.

Eine Hormontherapie zur „Behandlung von Gelenkschmerzen“ lässt sich evidenzbasiert heute nicht begründen.

Ein zentraler Aspekt des Reviews ist die Schnittstelle zwischen Schlaf und Schmerzempfindlichkeit. Denn Schlafstörungen sind nicht nur Co-Symptom, sondern Schmerzverstärker – sie sind (nicht nur) Folge der Schmerzen sondern sind ein Verstärker der Schmerzempfindung.

Wenn nächtliche Hitzewallungen den Schlaf fragmentieren, nimmt die Schmerzschwelle ab. Die Autor:innen betonen: Schlafdefizit führt zu zentraler Sensitivierung – und diese steigert die Schmerzintensität auch bei identischer körperlicher Befundlage. Schmerzverstärkung muss nicht am „Gelenk“ stattfinden, sondern im zentralen Schmerzmodulationssystem.

Der Review stellt dies auch im Kontext von Komorbiditäten dar wie Depression, Angst und Veränderungen der Tageskognition – alles Faktoren, die in der Menopause gehäuft auftreten und die Schmerzperzeption beeinflussen.

Ein spannender Gedanke dieser Arbeit betrifft die psychosoziale Rahmung: In vielen Gesellschaften ist die Menopause immer noch implizit mit Bedeutungsverlust, Leistungszweifeln und körperlicher „Schwachheit“ konnotiert. Die Autor:innen formulieren hierzu eine geringere wahrgenommene Attraktivität, eine veränderte Sexualität, einen Rollenumbau im beruflichen und familiären Kontext, eine belastende Mehrfachverantwortung (Beruf, Elternpflege, erwachsene Kinder). Diese psychosozialen Faktoren können die individuelle Schmerzbewertung beeinflussen – nicht als Ursache, sondern als Schmerzmultiplikatoren.

Diese Publikation und die darin dargestellten Überlegungen bestärken meine Auffassung zu dem Verständnis verschiedener Beschwerden als indirekte Folge der hormonellen Umstellung – dadurch getriggert aber nicht kausal verursacht. Dieses Verständnis ist meiner Meinung nach wichtig für unsere Beratung, um nicht am falschen Punkt anzusetzen. Eine menopausale Hormontherapie wird am ehesten dadurch helfen, dass sie durch eine Reduktion oder das Ausschalten vasomotorischer Beschwerden die Lebensqualität und die Schlafqualität optimiert. Dies gilt offenbar – Stand der heutigen Datenlandschaft – insbesondere auch für Gelenk- und Muskelschmerzen.

Unsere Aufgabe ist „empowerment“, unsere Patientinnen in dieser Lebensphase mental zu stärken, sie an die eigene Achtsamkeit zu erinnern und mit einer menopausalen Hormontherapie gezielt vasomotorische Beschwerden zu lindern.

Ihr

Michael Ludwig