Dass körperliche Aktivität Symptome der Menopause lindern und die langfristige Gesundheit verbessern kann, ist gut belegt. Trotzdem berichten viele Frauen zwischen 45 und 60 Jahren, dass ihnen Bewegung ausgerechnet in dieser Lebensphase schwerer fällt als früher. Eine neue Mixed-Methods-Studie aus Großbritannien liefert einen differenzierten Blick darauf, warum das so ist – und zeigt, wie komplex das Zusammenspiel zwischen körperlichen Beschwerden, Alltagsbelastungen und Motivation tatsächlich aussieht. Die Ergebnisse stammen aus einer Kombination aus Online-Befragung (n = 655, mittleres Alter 49,9 Jahre) und Fokusgruppen (n = 24, mittleres Alter 52,7 Jahre) und wurden mit dem etablierten COM-B-Verhaltensmodell ausgewertet. (Ailsa G. Niven et al. Moving through menopause: a mixed methods study of UK women’s experiences of being physically active during the menopause life stage. Menopause 2026; 33: im Druck: DOI 10.1097/GME.0000000000002641)
Auf den ersten Blick wirkt die Situation erstaunlich positiv: 75 % der Befragten erfüllen die Empfehlung von 150 Minuten moderat-intensiver Bewegung pro Woche. Gleichzeitig gab aber über die Hälfte an, im Verlauf des menopausalen Übergangs weniger aktiv geworden zu sein. Dieses Muster zieht sich durch alle Ergebnisse: Die meisten Frauen wissen um die Vorteile von Bewegung, viele möchten aktiv bleiben – und scheitern trotzdem an Faktoren, die nur teilweise medizinischer Natur sind. 12 von 14 abgefragten Menopause-assoziierten Symptomen wurden von mehr als der Hälfte erlebt, am häufigsten Stimmungsschwankungen und „brain fog“ (> 80 %). Hitzewallungen als eindeutig hormonabhängiges Symptom betraf 71,0 % der Frauen. Auffällig: Symptomatische und nicht-symptomatische Frauen unterschieden sich nicht darin, ob sie die Aktivitätsempfehlungen erfüllten. Trotzdem berichtete die Mehrheit, dass Symptome ihre Bereitschaft zur Bewegung „spürbar senken“.
Um dieses Paradox zu verstehen, lohnt sich der Blick auf die qualitativen Ergebnisse. Das COM-B-Modell zeigt, dass drei Bereiche entscheidend sind: Capability, Opportunity und Motivation. Bei der körperlichen und psychischen „Fähigkeit“ (Capability) dominierten subjektive Hürden wie Erschöpfung, Gelenkschmerzen, Schlafstörungen, Hitzewallungen oder kognitive Beschwerden.
Bei den „Gelegenheiten“ (Opportunity) spielten soziale Faktoren die größte Rolle. Zeitmangel, berufliche Doppelbelastungen, Care-Arbeit, unpassende Sportangebote oder Schamgefühle (Gewicht, Körperbild, Inkontinenz). Gleichzeitig zeigte sich, wie stark soziale Unterstützung wirkt: Wer sich eingebunden fühlte oder gemeinsam aktiv wurde, blieb deutlich eher in Bewegung. Viele Frauen nannten Walking als die einzig realistisch integrierbare Aktivität – flexibel, niedrigschwellig und alltagstauglich.
Am komplexesten ist der Motivationsbereich. Die meisten Teilnehmerinnen betonten, dass sie die Vorteile von Bewegung kennen und früher auch gerne aktiv gewesen seien. Dennoch fiel ihnen das Aufraffen schwerer. Energieverlust, Selbstzweifel, Überforderung und das Wissen darum, wie positiv Bewegung ist, es aber nicht umzusetzen – prägten das Bild. Besonders interessant: Frauen, für die Bewegung bereits vor der Menopause eine Routine war, blieben eher aktiv.
Für die klinische Einordnung ist wichtig: Der Rückgang der körperlichen Aktivität ist kein personal failure und hat nur bedingt etwas mit Östrogen zu tun. Die Studie macht deutlich, dass psychosoziale Faktoren – Stress, Mehrfachbelastungen, Selbstansprüche, Energieveränderungen – der eigentliche Kern des Problems sind. Die Autorinnen betonen selbst, dass keine kausale Richtung bestimmbar ist (cross-sectional): Ob Beschwerden zu weniger Bewegung führen oder weniger Bewegung Beschwerden verstärkt, bleibt offen. Wahrscheinlich ist beides richtig – je nach Frau, je nach Lebenssituation.
Was folgt daraus für die Praxis? Erstens: Symptommanagement ist wichtig, aber nicht ausreichend. Auch wenn vasomotorische Beschwerden gut kontrolliert sind, bleiben soziale und psychologische Barrieren bestehen. Zweitens: Bewegungsangebote müssen realistisch und flexibel sein – nicht als ambitioniertes Trainingsprogramm, sondern als niedrigschwellige Option, die sich in volle Tage integrieren lässt. Drittens: Soziale Einbindung wirkt stärker als jede Empfehlung zu „irgendeiner“ Aktivität. Gruppen, Buddy-Systeme oder digitale Communities können wirksamer sein als Appelle zur sportlichen Aktivität. Viertens: Motivation allein reicht nicht. Strukturen und Routinen wirken nachhaltiger, gerade wenn Energie und Selbstvertrauen schwanken.
Das Gesamtbild der Studie ist damit sehr konsistent: Körperliche Aktivität in der Menopause scheitert oft nicht am Körper, sondern am Leben. Und Unterstützung sollte genau dort ansetzen – bei der Realität, nicht bei Idealvorstellungen.
Eine weitere Publikation aus den USA liefert dazu ein besonders aufschlussreiches Puzzleteil. Die drei Autor:innen haben untersucht, wie Stress und Burnout das Bewegungsverhalten und die körperliche Leistungsfähigkeit von Frauen zwischen 40 und 60 Jahren beeinflussen. (Natalie J. Sabik et al. Midlife women’s stress and burnout: associations with health-related quality of life, physical activity, and physical function. Menopause 2026; im Druck: DOI: 10.1097/GME.0000000000002659)
Die Veröffentlichung umfasst zwei getrennte Studienarme, die unterschiedliche Schwerpunkte setzen. Während der erste Teil (n = 441) ausschließlich auf Fragebogendaten basiert und sich primär mit emotionalem Wohlbefinden befasst, ist für die Frage nach körperlicher Aktivität vor allem das zweite Kollektiv relevant: 214 Frauen im Alter von 41–60 Jahren (50,8 ± 5,1 Jahre), die über sieben Tage hinweg einen Accelerometer trugen – ein kleines Gerät, das Bewegungen objektiv erfasst und minutengenau dokumentiert, wie viele Schritte pro Tag gemacht werden und wie viel Zeit Frauen in moderater oder intensiver Aktivität verbringen.
Ergänzend wurden funktionelle Tests durchgeführt, also echte Messgrößen der körperlichen Leistungsfähigkeit wie Kraft (5-Times-Sit-to-Stand), Mobilität (Timed Up and Go), Gehgeschwindigkeit und Balance. Diese parallele Erfassung von Verhalten und Funktion ist entscheidend – und selten in dieser Form umgesetzt.
Im Fokus stand die Frage, ob Stress oder Burnout mit weniger Aktivität und schlechterer Funktion verbunden sind. Das Ergebnis war eindeutig: Burnout, nicht Stress, hing klar mit einem Rückgang des Bewegungsverhaltens zusammen. Frauen mit Burnout machten im Durchschnitt 1.879 Schritte pro Tag weniger und verbrachten täglich 10,8 Minuten weniger in moderater bis intensiver Aktivität (MVPA). Stress dagegen hatte auf diese objektiven Bewegungsdaten keinen Einfluss.
Entscheidend ist jedoch der zweite Schritt der Analyse. Die drei Autor:innen konnten in einem Mediationsmodell zeigen, dass Burnout nicht direkt zu einer schlechteren funktionellen Leistungsfähigkeit führte. Der direkte Zusammenhang zwischen Burnout und den Ergebniswerten der Funktionstests war nicht signifikant, sobald Aktivitätsniveau statistisch berücksichtigt wurde. Stattdessen zeigte sich ein klarer indirekter Effekt: Burnout → weniger Aktivität → schlechtere funktionelle Werte.
Wichtig ist die Unterscheidung: Weniger Schritte oder weniger MVPA bedeuten zunächst nur weniger Bewegung im Alltag – noch keine körperliche Leistungsschwäche. Aktivität ist ein Verhaltensmaß. Funktionelle Tests hingegen messen körperliche Kapazität. Eine Frau kann körperlich leistungsfähig sein und sich trotzdem tagelang kaum bewegen, etwa durch Belastungen, Zeitmangel oder Erschöpfung. Umgekehrt können hohe Schrittzahlen vorkommen, obwohl Kraft oder Balance eingeschränkt sind.
Die Studie zeigt damit sehr präzise: Burnout dämpft zuerst die Aktivität – und erst der dauerhafte Bewegungsverlust spiegelt sich später in der körperlichen Funktion wider. Das passt bemerkenswert gut zu den qualitativen Ergebnissen der „Moving through menopause“-Studie: Viele Frauen wollen sich bewegen und wissen um die gesundheitlichen Vorteile, scheitern aber in Phasen der Erschöpfung an Energieverlust, Überlastung und strukturellen Hürden – nicht an fehlender Motivation.
Ihr
Michael Ludwig
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