GLP-1-Rezeptoragonisten (Glukagon like peptid 1) wie Semaglutid oder Liraglutid sind inzwischen fest etabliert – nicht nur in der Diabetestherapie, sondern auch in der Adipositasmedizin. Ihr bekanntester „Nebeneffekt“: sie verzögern die Magenentleerung. Das trägt zur Gewichtsabnahme bei, wirft aber auch Fragen nach Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten auf – in unserem Fachgebiet insbesondere die Wirksamkeit oraler Kontrazeptiva. Dazu ist kürzlich eine Übersichtsarbeit erschienen. (Jessica W. Skelley et al. The impact of tirzepatide and glucagon-like peptide 1 receptor agonists on oral hormonal contraception. Journal oft he American Pharmacist Association 2024; 64: 204 – 211)

Für Exenatid, Liraglutid, Dulaglutid oder Semaglutid fanden Studien keine klinisch relevanten Veränderungen der Bioverfügbarkeit von Ethinylestradiol oder Levonorgestrel. Entsprechend enthalten die Fachinformationen dieser Präparate keine besonderen Warnhinweise.

Anders bei Tirzepatid, dem dual wirksamen GLP-1/GIP-Agonisten (glucose-dependent insulinotropic polypeptide). Eine Studie zeigte nach einer 5-mg-Dosis einen ca. 20 % niedrigeren AUC-Wert für Ethinylestradiol und Norgestimat, zusätzlich einen deutlich reduzierten Cmax und eine Verzögerung der Tmax. Das heißt: geringere und verzögerte Hormonspiegel – mit potenziell relevanter Abnahme der kontrazeptiven Wirksamkeit. Warum dieser Unterschied zu den „Mono“Agonisten? Offenbar ist es weniger die GIP-Komponente, sondern die stärkere und schnellere Verzögerung der Magenentleerung bei Tirzepatid, insbesondere nach den ersten Dosen und bei jeder Dosiseskalation. Während klassische GLP-1-Agonisten zwar ebenfalls die Magenentleerung bremsen, tritt dort relativ rasch eine Tachyphylaxie ein – der Effekt flacht ab. Tirzepatid hingegen wird in kurzen Intervallen hochtitriert; jedes Dosissprung „resetet“ die Magenverzögerung und verstärkt so die Wirkung auf oral eingenommene Medikamente.

Klinische Konsequenz: Die FDA empfiehlt für Patientinnen, die orale Kontrazeptiva einnehmen, zusätzliche nicht-orale Verhütung für mindestens 4 Wochen nach Beginn und nach jeder Dosiserhöhung. Diese Vorsichtsmaßnahme gibt es bei den anderen GLP-1-Agonisten nicht. Auch die deutsche Fachinformation enthält zwar unter dem Punkt „Wechselwirkungen“ ausführlich die Daten zu oralen Kontrazeptiva, dies wird jedoch als „nicht klinisch relevant“ bewertet.

Das Fazit sollte insofern sein, dass man die Wirksamkeit hormoneller Kontrazeptiva bei oraler Anwendung im Fokus behält und ggf. bei zunehmenden Zyklusstörungen bei Anwendung von Tirzepatid auf eine sicherere kontrazeptive Methode umsteigt.

Ihr

Michael Ludwig