Muskeln sind eine aktive hormonproduzierende Einheit, so das Thema einer systematischen Übersichtsarbeit zu diesem Thema. (Engman M et al. Sex Hormones in Skeletal Muscle: A Systematic Review of Evidence for Local Synthesis and Biological Action. Journal of Clinical Endocrinology & Metabolism 2025;110:e1732–e1746. DOI: 10.1210/clinem/dgaf174)
Die systematische Übersicht fasst die Befunde aus 13 Humanstudien und 6 Tiermodellen zusammen, die Sexualhormone wie Testosteron und Östradiol nicht im Blut, sondern direkt im Muskelgewebe gemessen haben – meist im Musculus vastus lateralis oder soleus. Mehrere Studien konnten zeigen, dass Muskelzellen selbst Enzyme exprimieren, die für die Umwandlung von Vorläuferhormonen wie DHEA in aktive Sexualsteroide notwendig sind – darunter P450aromatase, 3β-HSD und 17β-HSD. In Zellkultur ließ sich dieser Syntheseweg durch exogene Zugabe von DHEA aktivieren.
In zwei Studien wurden prä- und postmenopausale Frauen verglichen. Der absolute Östradiolspiegel im Muskel war bei postmenopausalen Frauen je nach Studie gleich hoch oder sogar leicht erhöht – trotz deutlich niedrigerer Serumwerte. Das Verhältnis von Muskel- zu Serumkonzentration war bei postmenopausalen Frauen in jedem Fall höher. Diese Befunde stützen die Hypothese, dass der Muskel nicht einfach passiv dem hormonellen Abfall folgt, sondern seine lokale Östrogenversorgung bis zu einem gewissen Grad selbst regulieren kann.
In einer Interventionsstudie wurden zehn postmenopausale Frauen zwölf Wochen lang trainiert. Interessanterweise sanken nach dem Krafttraining die intramuskulären Konzentrationen von Östradiol und Testosteron trotz einer Östradiolsubstitution. Eine Ausnahme waren diejenigen Frauen, bei denen die Muskelfunktion besonders kräftig und leistungsfähig wurde. Dort blieben die Werte stabiler. Die Verbesserung der Muskelkraft korrelierte signifikant mit dem Erhalt des intramuskulären Testosterons.
Die Bedeutung ist unklar. Unklar ist auch, wie diese Befunde überein zu bringen sind mit den häufig auftretenden peri- und postmenopausalen Muskel- und Gelenkschmerzen: Wenn tatsächlich die Östradiolspiegel im Muskel identisch bleiben, ggf. sogar steigen, ist eine HRT wenig sinnvoll. Daten zeigen tatsächlich auch nur einen geringen Effekt auf die Schmerzen – manchmal aber hilft die Substitution.
In jedem Fall kann man festhalten, dass der Muskel mehr ist als ein Effektororgan hormoneller Steuerung – er ist selbst Teil des endokrinen Systems. Vielleicht ist es auch schlicht eine Frage der lokalen Biochemie – und damit potenziell sogar trainierbar.
ihr
Michael Ludwig
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