Kniegelenksarthrose ist weltweit eine der führenden Ursachen für Schmerzen und funktionelle Einschränkungen im Alter. Während mechanische Faktoren wie Übergewicht, Alter und frühere Gelenkverletzungen als etablierte Risikofaktoren gelten, rückt eine Publikation einen interessanten Zusammenhang in den Fokus: den Einfluss von Hormonersatztherapie und hormonellen Kontrazeptiva. Eine große Kohortenstudie auf Basis der UK Biobank (n = 211.345 Frauen, mittleres Alter 56,5 Jahre, 77,8 % postmenopausal) mit überraschend deutlichem Ergebnis. (Wang J et al. Hormone therapy and oral contraceptives in the risk of knee osteoarthritis: a prospective cohort study. Menopause. 2025;32(8). doi:10.1097/GME.0000000000002560)
Während der medianen Nachbeobachtung von 13,6 Jahren entwickelten 7,0 % der Frauen eine neu diagnostizierte Gonarthrose. Dabei zeigte sich eine klare Dosis-Wirkungs-Beziehung zur menopausalen Hormontherapie: Im Vergleich zu nie behandelten Frauen war das Risiko bei ehemaligen Nutzerinnen um 25 % (HR 1,25; 95 % KI 1,20 – 1,31) und bei aktuellen Nutzerinnen um 46 % (HR 1,46; 95 % KI 1,35 – 1,58) erhöht. Besonders deutlich war der Effekt bei einer Therapiedauer von mehr als neun Jahren (HR 1,43; 95 % KI 1,35 – 1,51). Auch in der Analyse spezifischer Hormonpräparate war das Muster konsistent: Östrogene allein (HR 1,33; 95 % KI 1,16 – 1,52) sowie Östrogen-Gestagen-Kombinationen (HR 1,47; 95 % KI 1,04 – 2,09) waren beide signifikant mit einem höheren KOA-Risiko assoziiert.
Dabei ist bemerkenswert: Dieses Ergebnis widerspricht dem häufig postulierten Nutzen einer menopausalen Hormontherapie bei Gelenkbeschwerden. In einer vielzitierten Sekundäranalyse der WHI-Studie zeigten sich unter konjugiertem Östrogen signifikant weniger Gelenkschmerzen und geringere Gelenksteifigkeit im Vergleich zu Placebo (Chlebowski et al. Menopause 2013; 20: 600 – 608). Auch andere Studien berichteten über symptomatische Besserungen unter einer menopausalen Hormontherapie – vor allem in Bezug auf diffuse Arthralgien und morgendliche Steifigkeit.
Diese Effekte betreffen allerdings nicht die strukturelle Progression, sondern ausschließlich subjektive Beschwerden. Die Autor:innen der aktuellen Biobank-Studie argumentieren daher, dass die beobachtete Analgesie vermutlich auf systemische entzündungshemmende oder neuroendokrine Effekte zurückzuführen ist – z. B. über die Reduktion von IL-6 oder durch verbesserte Schmerzwahrnehmung. Auch könnte es sich um kurzfristige Vorteile im Rahmen vasomotorischer Stabilisierung handeln. Ein Schutz vor struktureller Gelenkdestruktion ergibt sich daraus aber nicht – im Gegenteil: Die Inzidenz klinisch manifestierter Kniegelenksarthrosen war unter der Therapie in dieser Studie deutlich erhöht.
Kritisch einzuordnen bleibt: Die Daten stammen aus einer Beobachtungsstudie mit Selbstangaben zum Medikamentengebrauch. Applikationsformen, exakte Präparate oder Änderungen im Therapieverlauf konnten nicht berücksichtigt werden. Dennoch liefert diese Analyse robuste Hinweise, dass eine menopausale Hormontherapie egal ob als Mono-Therapie mit Östrogenen oder als kombinierte Therapie, insbesondere bei längerer Anwendung, ein unabhängiger Risikofaktor für die Entwicklung einer Gonarthrose sein kann.
Möglicherweise kann in Einzelfällen eine menopausale Hormontherapie kurzfristig Symptome wie Gelenkschmerzen lindern – das ist durch WHI-Daten belegt. Strukturelle Arthroseprävention oder -therapie sollte aber keinesfalls ein Behandlungsziel sein. Im Gegenteil muss man bei Patientinnen mit erhöhtem Arthroserisiko (z. B. Adipositas, positive Familienanamnese, präarthrotische Gelenkbeschwerden) eher das Risiko einer möglichen Progression beachten.
Ihr
Michael Ludwig
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