Bei älteren Menschen mit subklinischer Hypothyreose wird L-Thyroxin immer noch erstaunlich häufig verordnet – obwohl ein physiologischer TSH-Anstieg im Alter gut dokumentiert ist. Dieses Thema habe ich schon häufiger in meinem Blog thematisiert.

Die neue ACEL-UK-Kohortenstudie liefert dafür eindrucksvolle Zahlen: In einer retrospektiven Analyse von 53.899 Patienten, median 67 Jahre (IQR 59–76), davon 68,5 % Frauen, wurden Menschen mit einem TSH zwischen 4 und 10 mIE/L und normalem fT4 über 10 Jahre bezüglich ihres kardiologischen Risikos abhängig davon ausgewertet, ob sie L-Thyroxin erhielten oder nicht. 37 % erhielten L-Thyroxin, 63 % nicht. Für die Knochengesundheit gingen Daten von 56.878 Menschen in die Analyse ein, 37,5 % mit und 62,5 % ohne L-Thyroxin. Die dritte Auswertung betraf die Gesamtmortalität, dazu wurden Daten von 60.787 Menschen berücksichtigt. Von diesen wurden 38,6 % mit L-Thyroxin behandelt.

Das Studiendesign beruht auf einer großen Real-World-Datenbank.

Zwar zeigte sich ein moderater Vorteil bei den kardiovaskulären Ereignissen: 9,2 % unter L-Thyroxin vs. 14,2 % ohne Therapie; HR 0,91 (95 % CI 0,87–0,97). Doch dieser Vorteil wird von den Risiken überlagert: Frakturen und Osteoporose traten unter L-Thyroxin signifikant häufiger auf (9,4 % vs. 7,9 %, HR 1,21; 95 % CI 1,14–1,28). Noch schwerer wiegt die erhöhte Gesamtmortalität: 16,1 % Sterbefälle in der Therapietruppe vs. 20,1 % in der Kontrolle – nach Adjustierung jedoch ein klarer Nachteil für L-Thyroxin: HR 1,17 (95 % CI 1,13–1,22).

Besonders kritisch: Selbst Patienten, deren TSH innerhalb der altersbezogenen oberen Normwerte lag (z. B. 4,6–5,5 mU/L ab dem 7. Lebensjahrzehnt), hatten unter der Therapie die höchsten Risiken für Frakturen und Mortalität. Genau jene Gruppe also, bei der der TSH-Anstieg wahrscheinlich ein normales Alterungsphänomen ist – und keine Hypothyreose.

Die Quintessenz ist unmissverständlich: Bei älteren Menschen ist die Verordnung von L-Thyroxin keineswegs harmlos. Ein geringer potenzieller kardiovaskulärer Nutzen steht einem signifikant erhöhten Risiko für Knochenkomplikationen und einer gesteigerten Mortalität gegenüber. Die Therapie kann nachteilig sein. Wer L-Thyroxin bei Über-60- oder Über-70-Jährigen mit TSH < 10 mIE/L verordnet, sollte dies kritisch hinterfragen.

Ihr

Michael Ludwig