Seit die GLP-1-Rezeptoragonisten wie Semaglutid und Tirzepatid die Adipositastherapie revolutioniert haben, häufen sich Fallberichte von ungeplanten Schwangerschaften während der Behandlung. Eine Übersichtsarbeit ordnet die bisherige Evidenz zum Einfluss dieser Substanzklasse auf Reproduktion und Fertilität kritisch ein – bei beiden Geschlechtern. (Marie Couldwell et al. Effect of GLP1 Agonists on Reproduction. Journal of Clinical Endocrinology and Metabolism 2025;110:3009–3024. DOI: 10.1210/clinem/dgaf401)

Adipositas ist bei Männern wie Frauen mit hormonellen Dysregulationen, Hypogonadismus, reduzierter Spermienqualität und Fertilitätsstörungen assoziiert. Etwa 40 % der adipösen Männer zeigen erniedrigte Testosteronspiegel, bei BMI > 40 kg/m² liegt die Prävalenz bei bis zu 75 %. Bei Frauen sinken LH-Sekretion und Ovulationswahrscheinlichkeit, die Wahrscheinlichkeit von Zyklusstörungen steigt.

In Tiermodellen zeigen GLP-1-Agonisten direkte Effekte auf das hypothalamisch-hypophysäre System: GLP-1 stimuliert GnRH- und Kisspeptin-Neurone, steigert die LH-Ausschüttung und erhöht die Zahl reifer Follikel. In männlichen Tieren verbessern GLP-1-Agonisten Spermienzahl, Motilität und DNA-Integrität – teils unabhängig vom Gewichtsverlust. Auch antioxidative und antiinflammatorische Effekte in Hoden und Ovarien sind dokumentiert.

Klinische Studien bei adipösen Männern mit funktionellem Hypogonadismus zeigten unter Liraglutid signifikante Anstiege von LH, FSH und Testosteron sowie Verbesserungen der erektilen Funktion. In einer 2025 publizierten Studie war Semaglutid effektiver als eine Testosteron-Substitution, um Gewicht zu reduzieren und Spermienmorphologie und -zahl zu verbessern.

Ob diese Effekte über die Gewichtsreduktion hinausgehen, bleibt unklar – bei normalgewichtigen Männern blieben LH- und Testosteronspiegel unter GLP-1-Infusion unverändert.

Bei Frauen mit PCO-Syndrom führten GLP-1-Agonisten (allein oder kombiniert mit Metformin) zu niedrigeren Androgenspiegeln, höheren SHBG-Werten und häufigerer Ovulation. In einer Studie stieg die Schwangerschaftsrate nach IVF unter Liraglutid und Metformin deutlich gegenüber Metformin allein – obwohl beide Gruppen gleich viel Gewicht verloren. Tierdaten legen zusätzlich antiinflammatorische und antifibrotische Effekte an Ovar und Endometrium nahe.

Die drei Autorinnen betonen die Kontraindikation während der Schwangerschaft. GLP-1-Agonisten müssen daher spätestens mit Eintritt einer Schwangerschaft abgesetzt werden.

GLP-1-Agonisten verbessern Fertilitätsparameter bei adipösen Männern und Frauen. Ob sie direkt auf Hypothalamus, Gonaden und Endometrium wirken oder die Effekte ausschließlich der Gewichtsreduktion zuzuschreiben sind, ist noch offen. Die in der Übersichtsarbeit zitierten Daten lassen vermuten, dass es um einen zusätzlichen Effekt zur Gewichtsreduktion geht.

Ihr

Michael Ludwig