Die ovarielle Reserve wird üblicherweise über das Anti-Müller-Hormon (AMH) und die sonografisch bestimmte Zahl antraler Follikel (AFC) beurteilt. Eine prospektive Studie untersuchte nun, ob diese reproduktionsmedizinischen Marker auch mit der späteren kardiovaskulären Gesundheit zusammenhängen.

Einbezogen wurden 322 Teilnehmerinnen der multiethnischen Ovarian Aging Study. Alle hatten zu Studienbeginn regelmäßige Menstruationszyklen. Bei der ersten Untersuchung waren die Frauen 35,4 ± 5,6 Jahre alt. Der durchschnittliche AMH-Wert betrug 4,4 ± 3,7 ng/ml, die mittlere Antralfollikelzahl 15,3 ± 9,7.

Nach durchschnittlich 9,7 Jahren wurde im mittleren Alter von 45,1± 6,0 Jahren die Gefäßfunktion untersucht. Im Mittelpunkt stand der Reactive Hyperemia Index (RHI), ein nicht invasiv bestimmter Marker der Endothelfunktion. Zusätzlich erfassten die Forschenden den AHA-PREVENT-Score für das kardiovaskuläre 30-Jahres-Risiko, das metabolische Syndrom sowie Telomerlänge und mitochondriale DNA-Kopienzahl. Der mittlere RHI lag mit 2,3 ± 0,7 im Normalbereich; 66 der 322 Frauen, entsprechend 20,5 %, hatten dennoch einen auffälligen Wert von höchstens 1,67. Der durchschnittliche PREVENT-Score betrug 11,7 ± 7,6 %.

In den vollständig adjustierten Analysen waren ein höherer AMH-Wert und eine höhere Antralfollikelzahl mit einer besseren späteren Endothelfunktion verbunden. Der Zusammenhang zeigte sich allerdings nur beim kontinuierlichen RHI. Für die klinische Einteilung in normale oder gestörte Endothelfunktion ergab sich kein statistisch gesicherter Befund. Auch der PREVENT-Score war nach Adjustierung nicht mit AMH oder AFC assoziiert. Ein höherer AFC ging jedoch mit einer geringeren Wahrscheinlichkeit für ein metabolisches Syndrom einher (OR 0,92; 95 % KI 0,86–0,99; p = 0,02).

Eine naheliegende Erklärung wäre ein gemeinsamer biologischer Alterungsprozess, der sowohl die ovarielle Reserve als auch die Gefäßgesundheit beeinflusst. Die Studie bestätigt diese Hypothese jedoch nicht. Höhere AMH- und AFC-Werte waren zwar zunächst mit längeren Telomeren verbunden, doch verschwand dieser Zusammenhang nach Berücksichtigung insbesondere des chronologischen Alters vollständig. Auch zur mitochondrialen DNA-Kopienzahl bestand keine signifikante Beziehung. Ein umfassendes epigenetisches Alter, beispielsweise mithilfe einer DNA-Methylierungsuhr, wurde nicht bestimmt.

Die Autor:innen interpretieren AMH und AFC deshalb vorsichtig als mögliche frühe Marker der späteren vaskulären Gesundheit. Da die Frauen zu Studienbeginn regelmäßige Zyklen hatten, lässt sich der Befund nicht einfach mit einer prämaturen Ovarialinsuffizienz oder einem ausgeprägten Östrogenmangel erklären. Denkbar seien bislang nicht erfasste entzündliche, metabolische oder lokale vaskuläre Prozesse im Eierstock.

Die Studie ist mit ihrem prospektiven Design, fast zehn Jahren Nachbeobachtung und zahlreichen berücksichtigten Einflussfaktoren sorgfältig angelegt. Dennoch wurden keine Herzinfarkte oder Schlaganfälle untersucht, sondern ein Surrogatmarker. Zudem war der Zusammenhang schwach, nur für den kontinuierlichen RHI nachweisbar und erst im vollständig adjustierten Modell statistisch signifikant. Ein niedriger AMH-Wert ist daher kein kardiovaskulärer Risikotest. Die Ergebnisse liefern aber einen interessanten Hinweis darauf, dass reproduktive und vaskuläre Gesundheit miteinander verbunden sein könnten. Ob dahinter tatsächlich ein gemeinsamer biologischer Alterungsprozess steht, bleibt offen.

Ihr

Michael Ludwig