Das Anti-Müller-Hormon (AMH) gilt heute als der wichtigste Biomarker der ovariellen Reserve. In der täglichen Praxis wird ein nicht mehr messbarer AMH-Wert häufig mit dem nahenden Ende der Ovarfunktion gleichgesetzt. Eine neue Analyse der SWAN-Studie (Study of Women’s Health Across the Nation) zeigt nun, dass selbst nach Unterschreiten der Nachweisgrenze eines hochsensitiven AMH-Assays noch intermittierende hormonelle Aktivität nachweisbar sein kann. (Laura M. Bozzuto, Kelly Acharya, Bethelhem Shiferaw et al. Anti-Müllerian Hormone Rebound and Estradiol Changes in the Study of Women’s Health Across the Nation. Fertility and Sterility. 2026. DOI: 10.1016/j.fertnstert.2026.06.024)
Überraschend sind diese Beobachtungen allerdings nur auf den ersten Blick.
Die Autor:innen untersuchten Daten der prospektiven SWAN-Kohorte, in der ursprünglich 3.302 Frauen während des menopausalen Übergangs über viele Jahre begleitet wurden. AMH-Messungen lagen für 1.558 Teilnehmerinnen vor. Für die vorliegende Analyse wurden schließlich 406 Frauen ausgewählt, die mindestens drei AMH-Bestimmungen einschließlich mindestens eines Wertes unterhalb der Nachweisgrenze eines ultrasensitiven picoAMH-Assays sowie eine sicher dokumentierte letzte Menstruation (Final Menstrual Period, FMP) aufwiesen. Frauen, deren erste nicht mehr messbare AMH-Bestimmung zugleich die letzte verfügbare Messung war, konnten naturgemäß nicht beurteilt werden und wurden daher ausgeschlossen.
Von diesen 406 Frauen zeigten 220 (54,2 %) nach einem zunächst nicht mehr nachweisbaren AMH später erneut messbare Werte. Bei 107 Frauen (26,4 %) trat gleichzeitig ein Anstieg des Östradiols um mindestens 20 pg/ml auf, weitere 113 Frauen (27,8 %) zeigten ausschließlich einen AMH-Anstieg ohne begleitenden Östradiolanstieg. 186 Frauen (45,8 %) wiesen keinen Rebound auf.
Die Höhe des maximalen AMH-Rebounds war in den meisten Fällen gering. Bei 115 der 220 Frauen (52,3 %) lag der höchste erneut messbare Wert unter 10 pg/ml (< 0,010 ng/ml), bei 79 Frauen (35,9 %) zwischen 10 und 100 pg/ml (0,010–0,100 ng/ml) und lediglich 26 Frauen (11,8 %) erreichten Werte über 100 pg/ml, entsprechend > 0,100 ng/ml. Selbst die höchsten gemessenen Rebounds bewegten sich damit häufig noch in einem Konzentrationsbereich, der mit den üblichen AMH-Routine-Assays gar nicht oder nur unzureichend hätte erfasst werden können.
Frauen mit einem später auftretenden AMH-Rebound (mit oder ohne gleichzeitigem Anstieg von Östradiol) waren jünger, als ihr AMH erstmals unter die Nachweisgrenze fiel, als Frauen ohne Rebound (48,5 bzw. 49,9 versus 51,7 Jahre), hatten einen niedrigeren BMI und niedrigere FSH-Werte. Gleichzeitig verging vom erstmaligen Unterschreiten der Nachweisgrenze bis zur letzten Menstruation deutlich mehr Zeit als bei Frauen ohne Rebound (Median 35,9 bzw. 24,2 versus 9,1 Monate; jeweils p < 0,001). Das Alter bei der Menopause unterschied sich dagegen nicht signifikant zwischen den Gruppen.
Innerhalb der Gruppe mit gleichzeitigem AMH- und Östradiol-Rebound zeigte sich zudem ein interessanter Zusammenhang: Je ausgeprägter der spätere AMH-Rebound war, desto höher waren bereits zum Zeitpunkt des erstmalig nicht mehr messbaren AMH die Estradiol- und Inhibin-B-Spiegel und desto niedriger fiel später der FSH-Nadir aus. Dies spricht dafür, dass es sich zumindest teilweise um eine biologisch plausible Restaktivität kleiner Follikel und ihrer Granulosazellen handelt und nicht lediglich um analytisches Messrauschen. Die Autoren überprüften diesen Punkt sorgfältig durch Wiederholungsmessungen, Verdünnungsversuche, Spike-and-Recovery-Analysen sowie Kontrollen auf Probenverwechslungen und Dateneingabefehler.
Was bedeutet dies nun für die klinische Praxis? Aus meiner Sicht bestätigt die Arbeit vor allem etwas, das wir seit fast zwei Jahrzehnten aus Studien mit konventionellen AMH-Assays kennen: Das Verschwinden des AMH aus dem messbaren Bereich markiert nicht den Zeitpunkt der Menopause. Zwischen dem erstmalig nicht mehr nachweisbaren AMH und der letzten Menstruation können mehrere Jahre, etwa 5-6 Jahre, liegen. Der Unterschied besteht lediglich darin, dass der hier verwendete ultrasensitive Assay Konzentrationen im pg/ml-Bereich nachweist und damit minimale hormonelle Schwankungen sichtbar macht, die mit herkömmlichen Assays verborgen geblieben wären.
Die Arbeit zeigt daher weniger ein neues biologisches Phänomen als vielmehr eine höhere analytische Auflösung. Offenbar bleibt während des menopausalen Übergangs bei vielen Frauen noch eine geringe Granulosazellaktivität erhalten, die sich in minimalen AMH- und teilweise auch Östradiolanstiegen widerspiegelt, bis zur FMP vergehen teils noch Jahre. AMH bleibt damit ein hervorragender Marker der ovariellen Reserve – aber eben kein Schalter, der die Menopause auf den Monat genau anzeigt.
Ihr
Michael Ludwig
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