Vor wenigen Wochen habe ich an dieser Stelle über den Vorschlag berichtet, das PCO-Syndrom (PCOS) künftig „Polyendocrine Metabolic Ovarian Syndrome“ (PMOS) zu nennen.

Inzwischen sind in Reproductive BioMedicine Online zwei Beiträge erschienen, die gegensätzlicher kaum sein könnten.

Eine namhafte Autorengruppe begrüßt den neuen Namen. (Juan A Garcia-Velasco, Bart Fauser, Nick Macklon. From PCOS to PMOS: why a new name may improve patient care. Reproductive BioMedicine Online 2026; DOI: 10.1016/j.rbmo.2026.105886)

Eine ebenso namhafte Autorin und ihr Co-Autor widersprechen ebenso deutlich. (Maria Longo, Antonio La Marca. PCOS is here to stay: does PMOS truly reflect biological reality? Reproductive BioMedicine Online 2026; DOI: 10.1016/j.rbmo.2026.105883)

Die Befürworter sehen in PMOS weit mehr als eine sprachliche Korrektur. „Polyzystisch“ ist tatsächlich irreführend, denn bei den sonographisch sichtbaren Strukturen handelt es sich nicht um pathologische Zysten, sondern um zahlreiche kleine Follikel. Gleichzeitig vermittelt PCOS den Eindruck einer primär ovariellen oder reproduktionsmedizinischen Erkrankung.

PMOS soll den Blick weiten: auf Hyperandrogenismus, Insulinresistenz, Adipositas, Dyslipidämie, kardiovaskuläre Risiken, psychische Belastungen und Schwangerschaftskomplikationen. Die Hoffnung ist, dass Ärzt:innen sich bei einer betroffenen jungen Frau mit Zyklusstörungen künftig nicht nur auf Ovulation und Kinderwunsch konzentrieren, sondern auch metabolische Risiken, Hyperandrogenismus und psychisches Befinden berücksichtigen.

Ein umfassenderer Name, so der Gedankengang, führt zu einem umfassenderen Krankheitsverständnis – und dieses wiederum zu einer umfassenderen Versorgung.

Das ist plausibel. Bewiesen ist es allerdings nicht.

Longo und La Marca bestreiten nicht, dass „polyzystisch“ sachlich falsch ist. Sie bezweifeln aber, dass PMOS die biologisch bessere Bezeichnung darstellt. Insulinresistenz und metabolische Veränderungen seien keineswegs bei allen Patientinnen gleichermaßen vorhanden. Ihre Ausprägung unterscheide sich erheblich in Abhängigkeit von Phänotyp, Körpergewicht und Ethnizität. Warum sollte „metabolic“ dann zu einem definierenden Bestandteil des Namens werden? Vor allem aber halten sie das Ovar weiterhin für das Zentrum der Erkrankung. Die ovarielle Dysfunktion und die überwiegend ovarielle Androgenproduktion seien nicht lediglich zwei von vielen Begleiterscheinungen, sondern der biologische Kern des Syndroms. PMOS könne dagegen den Eindruck erwecken, es handle sich primär um eine allgemeine endokrin-metabolische Systemerkrankung, an der zufällig auch das Ovar beteiligt ist.

Auch das Argument einer besseren Patientinnenkommunikation drehen die Kritiker um: „Polyendocrine Metabolic Ovarian Syndrome“ klingt nicht unbedingt verständlicher oder weniger beängstigend. Möglicherweise ersetzt man die Angst vor vermeintlichen Ovarialzysten lediglich durch die Sorge vor einer schweren Multisystemerkrankung.

Besonders wichtig erscheint mir ein weiterer Einwand der Kritiker: Ein Delphi-Prozess kann einen Konsens erzeugen, aber keine biologische Wahrheit. Auch die Beteiligung von mehr als 14.000 Betroffenen und Gesundheitsfachkräften beweist nicht, dass PMOS eine einheitliche Erkrankung beschreibt – und ebenso wenig, dass die Umbenennung tatsächlich zu früheren Diagnosen, besseren Untersuchungen oder einer besseren Langzeitversorgung führt.

Wer nun meinen Beitrag „PCOS wird zu PMOS … und?“ vom 7. Juli 2026 (https://optimist-verlag.de/blog/2026/07/07/pcos-wird-zu-pmos-und/) noch einmal liest, wird feststellen: Genau an diesem Punkt war ich bereits skeptisch.

Allerdings bin ich damals sogar noch einen Schritt weiter gegangen als die jetzigen Kritiker. Denn möglicherweise diskutieren wir nicht nur über den falschen Namen für eine Erkrankung. Möglicherweise fassen wir unter PCOS beziehungsweise PMOS mehrere biologisch unterschiedliche Konstellationen zusammen, die lediglich zu ähnlichen klinischen Bildern führen.

Bei der einen Patientin könnte die Insulinresistenz dominieren, bei einer anderen die ovarielle Androgenproduktion, bei einer dritten eine neuroendokrine Dysregulation. Bei einer Patientin ist die Insulinresistenz angeboren, genetisch determiniert, bei einer anderen Folge einer Adipositas. Das Resultat kann jeweils ähnlich aussehen: Zyklusstörungen, Hyperandrogenismus, Subfertilität und gegebenenfalls metabolische Risiken. Die zugrunde liegenden biologischen Wege müssen deshalb aber nicht identisch sein und nicht alle Frauen mit Zyklusstörungen und Hyperandrogenämie leiden unter einem PCO-Syndrom oder einem PMOS.

PMOS ist wahrscheinlich der bessere pädagogische Name. Er erinnert uns daran, dass die Erkrankung nicht auf Ovarien, Ultraschall und Kinderwunsch reduziert werden darf. Eine bessere biologische Klassifikation ist PMOS deshalb noch lange nicht.

Vielleicht liegt der entscheidende Fortschritt deshalb weder in PMOS noch in PFOS. Vielleicht wird er darin bestehen, das große Syndrom eines Tages in biologisch und klinisch sinnvoll definierte Untergruppen aufzuteilen.

Ihr

Michael Ludwig