Viele Paare mit unerfülltem Kinderwunsch fragen, ob sich ihre Chancen durch eine bestimmte Ernährung verbessern lassen. Entsprechend groß ist das Interesse an sogenannten „Fertilitätsdiäten“, die gezielt für Frauen mit Kinderwunsch entwickelt wurden. Eine neue prospektive Kohortenstudie legt nun jedoch nahe, dass der Nutzen solcher speziellen Ernährungskonzepte überschätzt werden könnte.
Untersucht wurden 2.370 Paare, die sich an vier US-amerikanischen Kinderwunschzentren vor einer Fertilitätsbehandlung vorstellten. (Kyle R. Busse et al. Preconception dietary patterns in association with live birth and pregnancy loss: a couples-based approach. Fertility and Sterility. 2026. DOI: 10.1016/j.fertnstert.2026.06.028) Mithilfe validierter Ernährungsfragebögen wurde die Ernährung beider Partner in den drei Monaten vor Therapiebeginn erfasst. Analysiert wurden zwei etablierte gesunde Ernährungsmuster (Healthy Eating Index 2015 und mediterrane Ernährung) sowie zwei speziell entwickelte Fertilitätsdiäten (Fertility Diet und Pro-fertility Diet). Primärer Endpunkt war die Lebendgeburt, zusätzlich wurde die Fehlgeburtsrate untersucht.
Die beiden Fertilitätsdiäten unterscheiden sich konzeptionell. Die ältere Fertility Diet wurde aus Beobachtungsdaten zur ovulatorischen Infertilität entwickelt und berücksichtigt unter anderem die Art der aufgenommenen Fettsäuren, pflanzliches gegenüber tierischem Eiweiß, Milchprodukte, Eisenzufuhr, Multivitamine und die glykämische Last. (Chavarro JE et al. Diet and lifestyle in the prevention of ovulatory disorder infertility. Obstet Gynecol. 2007;110:1050-1058. doi:10.1097/01.aog.0000287293.25465.e1) Die neuere Pro-fertility Diet wurde speziell für Frauen vor einer assistierten Reproduktion entwickelt. Sie bewertet neben der Zufuhr von Folsäure, Vitamin B12 und Vitamin D insbesondere den Verzehr von Vollkornprodukten, Sojaprodukten, Milchprodukten und Seafood sowie den bevorzugten Verzehr von Obst und Gemüse mit geringer statt hoher Pestizidbelastung. (Gaskins AJ, Nassan FL, Chiu YH, Arvizu M, Williams PL, Keller MG, et al. Dietary patterns and outcomes of assisted reproduction. Am J Obstet Gynecol. 2019;220:567e1-567 e18. doi:10.1016/j.ajog.2019.02.004)
Von den 2.370 Paaren kam es bei 1.054 zu einer Schwangerschaft und schließlich zu 821 Lebendgeburten. Eine höhere Übereinstimmung mit den allgemeinen gesunden Ernährungsmustern war sowohl bei Frauen als auch bei Männern mit einer leicht höheren Wahrscheinlichkeit einer Lebendgeburt assoziiert. Pro Standardabweichung im Healthy-Eating-Index betrug das adjustierte relative Risiko 1,06 (95%-KI 1,00–1,13) für Frauen und 1,05 (0,99–1,11) für Männer. Für die mediterrane Ernährung ergaben sich nahezu identische Effekte. Dagegen zeigte die speziell entwickelte Pro-fertility Diet keinerlei Zusammenhang mit der Lebendgeburtenrate. Lediglich die ältere Fertility Diet war bei Frauen mit einem ähnlich kleinen positiven Effekt assoziiert (aRR 1,05; 95%-KI 0,99–1,12). Für keine der untersuchten Ernährungsformen fand sich ein Zusammenhang mit dem Fehlgeburtsrisiko.
Besonders interessant ist eine Subgruppenanalyse: Bei Paaren, die eine IVF-Behandlung durchliefen, verschwanden sämtliche positiven Zusammenhänge zwischen Ernährung und Lebendgeburt. Die beobachteten Assoziationen fanden sich ausschließlich bei Paaren mit Ovulationsinduktion oder Insemination.
Die Studie besitzt mehrere Stärken. Sie ist eine der bislang größten Untersuchungen zu diesem Thema, berücksichtigt erstmals systematisch die Ernährung beider Partner und schließt nicht ausschließlich IVF-Patientinnen ein. Gleichzeitig bleibt sie eine Beobachtungsstudie. Trotz umfangreicher Adjustierung lässt sich nicht ausschließen, dass Menschen mit einer insgesamt gesünderen Lebensweise auch in anderen Bereichen günstiger aufgestellt sind. Zudem waren die beobachteten Effekte insgesamt klein.
Tatsächlich unterschieden sich die Teilnehmer mit der höchsten Adhärenz zu einer gesunden Ernährung bereits zu Studienbeginn deutlich von den übrigen Teilnehmern. Frauen im höchsten Quartil des Healthy Eating Index hatten beispielsweise einen mittleren BMI von 26,2 kg/m² gegenüber 30,7 kg/m² im niedrigsten Quartil; gleichzeitig rauchten nur 4,2 % gegenüber 10,1 %. Bei den Männern betrugen die entsprechenden Werte 28,3 versus 31,9 kg/m² beziehungsweise 7,5 % versus 15,6 %. Die Teilnehmer mit gesünderer Ernährung waren zudem im Mittel besser gebildet und verfügten häufiger über ein höheres Haushaltseinkommen. Die Autoren berücksichtigten diese und weitere potenzielle Störgrößen statistisch, vollständig ausschließen lässt sich ein sogenannter „Healthy User Effect“ in einer Beobachtungsstudie jedoch nicht.
Bemerkenswert ist vor allem ein anderer Aspekt: Die Ergebnisse relativieren frühere Arbeiten, insbesondere aus der EARTH-Kohorte, in denen spezielle Fertilitätsdiäten teilweise deutlicher mit dem Behandlungserfolg assoziiert waren. Mit zunehmender Studiengröße und einer breiteren Patientenpopulation scheinen diese Effekte kleiner zu werden. Die Botschaft dieser neuen Arbeit lautet daher weniger, dass eine spezielle „Kinderwunschdiät“ die Fruchtbarkeit steigert, sondern vielmehr, dass eine allgemein gesunde Ernährung wahrscheinlich die sinnvollste Empfehlung bleibt – nicht nur für die allgemeine Gesundheit, sondern möglicherweise auch für die Chance auf eine Lebendgeburt. Ein Wundermittel ist sie allerdings nicht.
Ihr
Michael Ludwig
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